Nächsten Sonntag finden die Bundestagswahlen statt. An fast jeder Straßenlaterne hängen Wahlplakate und auch in den Medien geht es um kaum etwas Anderes. Mir ist jedoch aufgefallen, dass sehr viele gar nicht wissen, wie die Wahlen eigentlich funktionieren.

Jeder hat zwei Stimmen, eine Erststimme und eine Zweitstimme, aber warum?

Auf dem Wahlzettel darf man zwei Kreuze machen. Mit der Erststimme (linke Spalte) wählt man den Direktkandidaten in dem jeweiligen Heimatwahlkreis. Insgesamt sind das 299 Kandidaten in 299 Wahlkreisen. Die meisten sind Parteimitglieder. Weiter unten befinden sich unabhängige Kandidaten, die ohne Parteiunterstützung in den Bundestag einziehen wollen. Wer die meisten Erststimmen im Wahlkreis erhält, und sei es nur mit einer Stimme Vorsprung, zieht auf jeden Fall in den Bundestag ein.

Die Zweitstimme (rechte Spalte) hingegen ist dazu da, um eine Partei zu wählen, die dann über die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag entscheidet.

Die Vertreter im Parlament, seien sie als Sieger aus ihrem Wahlkreis oder als Vertreter ihrer Partei über die Zweitstimme in den Bundestag eingezogen, wählen im Anschluss den Bundeskanzler – darauf hat man als Wähler also nur indirekten Einfluss.

Welche Idee steckt hinter dem Ganzen?

Das deutsche, sogenannte personalisierte Wahlsystem verbindet damit zwei Elemente und zwei Ziele: Einerseits will es den Kandidaten im Wahlkreis möglichst an den Wähler binden: Dadurch, dass er direkt über die Erststimme gewählt ist, kann sich ein Kandidat eine gewisse Unabhängigkeit erlauben, auch gegenüber der eigenen Partei, um zum Beispiel regionale Interessen zu vertreten oder seinem Gewissen und nicht dem Parteiwillen zu folgen.

Was ist eine Fünfprozenthürde?

Eine Sonderregel: Eine Partei braucht mindestens fünf Prozent der Zweitstimmen, um Sitze im Bundestag zu erhalten. Hat sie weniger, geht sie komplett leer aus. Mit dieser Regelung soll das Parlament arbeitsfähig bleiben und nicht durch viele kleine Splitterparteien blockiert werden. Die Ausnahme von dieser Regelung: Wenn eine Partei mindestens drei Direktmandate in den Wahlkreisen gewinnt, gilt die Fünfprozenthürde für sie nicht. Sie zieht trotzdem in den Bundestag ein.

Welche Stimme ist wichtiger ?

Anders als man denkt, ist die Zweitstimme wichtiger, da sie das Kraftverhältnis der Parteien im Bundestag festlegt. Hier entscheidet sich, ganz unabhängig von der Erststimme und den Direktkandidaten, ob eine Partei die Fünfprozenthürde knackt und eine Koalition aus Parteien die Mehrheit erlangt. Bei den Prognosen und Hochrechnungen am Wahlabend geht es deswegen immer um die Zweitstimme.

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