Sie sind für uns so selbstverständlich geworden, dass wir uns erst wieder bewusst machen müssen, dass sie früher nicht einmal denkbar waren: Demokratie und Internet. Während wir auf der politischen Seite bemüht sind, uns den Idealen der Gleichheit und Freiheit weiter anzunähern, erschwert die Digitalisierung jedoch diesen Prozess.

Durch die zunehmende Digitalisierung werden Kompetenzen auf Maschinen übertragen, die ursprünglich von Menschen übernommen wurden. Das können physische Kompetenzen sein, indem wir harte, körperliche Arbeit auf Industrieroboter übertragen, aber immer mehr auch mentale, die dann meist in Algorithmen ausgedrückt werden. Studien prognostizieren mal extremere, mal geringere Auswirkungen auf die menschliche Arbeit, worauf die Politik mit Tagungen zur Zukunft der Arbeit reagiert. Doch die Zukunftsfrage greift auch das politische System an sich an: Wie sieht ein digitalisierter Staat aus? Im analogen Zeitalter wurden die Verfassungen noch mit Tinte auf Pergament geschrieben, in der jeweiligen Landessprache. Diese Texte bestimmen noch heute darüber, wie ein Staat zu funktionieren hat, werden durch die Exekutive umgesetzt, durch die Legislative geändert und durch die Judikative geschützt. Wenn sich zum Beispiel Menschen regelwidrig verhalten, können sie auf Basis dieser Gesetzestexte zur Rechenschaft gezogen werden – dies ist ein Prinzip des Rechtsstaates, das folglich auch auf Elektronenhirne übertragbar sein muss. Einen Schritt weitergedacht, könnten diese Automaten auch juristische Anliegen »im Namen des Volkes« vertreten; uns möglicherweise sogar regieren?Notwendigerweise müsste sich dafür die Sprache des Rechts wandeln; schließlich können keine philosophischen Texte, beispielsweise über Menschenwürde, von Maschinen interpretiert werden, weil jene ein gewisses Maß an Formalität benötigen. Doch wie formuliert man auf Grundlage der Mathematik ein Abwägen zwischen entlastenden und belastenden Indizien? Wie formuliert man die generelle Unvergleichbarkeit, aber Gleichheit von Menschen? Selbst wenn solche Fragen zufriedenstellend geklärt wären, ist ein weiteres Problem die Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse. Auch digitale Richter müssten ihre Urteile ausreichend begründen können, jedoch würden sie sich dabei auf derart komplexe Modelle beziehen, dass nur noch Experten die Grundlage des Urteils verstünden.

Während ein Staat für sich entscheiden kann, ob er ein solches Mittel als Erweiterung oder Bedrohung seiner Rechtschaffenheit sieht und sie nutzt oder verbietet, findet im kommerziellen Bereich die Verwendung von intelligenten Rechnern bereits statt. Sie entscheiden darüber, ob wir einen Kredit zu guten oder teuren Konditionen bekommen und welche Vorschläge wir für unsere Einkäufe und Leselisten erhalten. In Subsekundenschnelle werden Informationen zusammengetragen und ausgewertet. Doch hier ist Vorsicht geboten: Sind Informationen über Politik, Religion, sexuelle Orientierung oder Milieu für das Ergebnis mit einbezogen, ist der Verdacht groß, dass das Ergebnis nicht im Einklang mit unseren Vorstellungen der Gleichbehandlung steht. Das Schlimme dabei ist, dass das entscheidende Kriterium dem Adressaten verborgen bleibt und er kann weiter rätseln, weshalb die Bank seinen Kredit abgelehnt hat. Ein Grund dafür findet sich in einer verbreiteten Methode, große Datenmenge auszuwerten, wie den neuronalen Netzwerken. Diese versuchen nach dem Vorbild unserer biologischen Gehirne, Neuronen zu simulieren und so Muster zu erkennen, die den Entwicklern unter Umständen vorher unbekannt waren. Doch diese Muster sind rein stochastischer Natur, denn es wird nicht die Wirklichkeit analysiert, sondern bloß eine Datenmenge. Naturalistische Fehlschlüsse, bei denen das System ein Muster erkennt, wo eigentlich keines ist, oder der wahre Zusammenhang unentdeckt bleibt, wären eine gefährliche Konsequenz.

Neben einer neuen Welle von Diskriminierung gibt es auch den viel beschworenen Filterblaseneffekt, der zu einer intellektuellen Isolation führen kann, indem dem Nutzer nur jene Inhalte angezeigt werden, die seinen Interessen entsprechen und das Weltbild langfristig einschränkt. Dieser wird zwar durch die neuen Technologien enorm begünstigt, ist aber aus meiner Sicht kein Grund, die Schuld seiner persönlichen Unmündigkeit auf die Technologie zu schieben und vor dieser zu kapitulieren. Wir können gegen diese Einflüsse Maßnahmen entwickeln, die uns die versprochenen Menschenrechte wiedergeben. Denn eins darf man nicht vergessen: Unsere Technologien sind als solche wertneutral und unpolitisch ausgelegt, wie uns auch die Natur keine Grundethik auferlegt hat.

Im Endeffekt stellt sich aber immer die Frage nach dem Vertrauen. Menschen misstrauen sich allerdings grundsätzlich gegenseitig und schaffen bis heute Kontrollmechanismen, um das Vertrauensverhältnis herzustellen. Ein gutes Beispiel liefert die Gewaltenteilung und die Dezentralisierung, bei denen sich Instanzen gegenseitig kontrollieren und Macht teilen. Die oft beschimpfte Bürokratie soll – im Idealfall – eine lückenlose Aufklärung und Nachvollziehbarkeit ermöglichen. Politische Skandale zeigen uns regelmäßig, dass wir dieses Ziel leider noch lange nicht erreicht haben, da uns Menschen etwas verschweigen. Computer sind gewissermaßen eine neue Spezies, die ihrerseits neue Arten des Lügens etablieren. Niemand weiß, ob sie noch so walten, wie wir es von ihnen erwarten. Es ist zwar möglich, dass man beispielsweise durch eine Offenlegung der Quellen die Transparenz erhöht, jedoch bezweifle ich, dass sie für jeden Bürger nachvollziehbar sind.

Es wäre durchaus möglich, dass objektive Programme gerechtere und schnellere Urteile fällten. Demokratische Instanzen müssen dabei allerdings aktiv unsere Grundrechte schützen, damit die unpolitische Technologie nicht entgegen unserer Menschenrechte agiert. Auch wenn es uns selbstverständlich scheint: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Jede Spur, die wir gestern hinterlassen haben, könnte schon in der morgigen »Automatrie« gegen uns verwendet werden – sobald die Schranken des Datenschutzes fallen.

Es liegt also an uns, ob wir die neuen Möglichkeiten nutzen, um unsere Werte zu stärken oder die Entwicklung sich selbst überlassen und die neue, digitale Welt uns ganz befremdet.

– Jakob Stigloher (4. Semester)

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