Es knuspert und knackt leicht, dann breitet sich ein nussiger, reiswaffelähnlicher Geschmack auf der Zunge aus. Schlucken und mit Wasser nachspülen, denn die getrockneten Sechsbeiner lassen ein staubiges Gefühl und manchmal auch ein paar ihrer Extremitäten im Mund zurück.

Entomophagie ist eine interessante Erfahrung und es scheint komisch, den Erzfeind der Küche, Insekten, freiwillig auf dem Teller zu haben. Doch was hier im europäischen Kulturraum fremd und mit Überwindung und Widerwillen daherkommt, ist für rund ein Viertel der Weltbevölkerung ganz normal. Zwei Milliarden Menschen weltweit verzehren die Tiere mit Fühlern und Facettenaugen und müssen dabei nicht einmal auf eine geringe Auswahl zurückgreifen: Rund 1900 essbare Insektenarten wandeln auf unserer Erde und sind schon seit Jahrtausenden Bestandteil der menschlichen Ernährung.

Ekel hin oder her, in Zukunft muss sich auch der Rest der Menschheit überlegen, ob sie weiterhin auf die Insekteneinlage im Essen verzichten und stattdessen weiter Fleisch von konventionellen Zuchttieren verspeisen möchte. Denn würden im Jahr 2050 alle Menschen genauso viel Fleisch pro Kopf verspeisen wie wir Deutschen heute, wären drei Erden nötig, um diesen Bedarf zu decken. Dies liegt daran, dass die Nutztierzucht viele Ressourcen verbraucht: Futter, Wasser und Weidefläche. Auch haben Ausscheidungen auf Wasser- und Luftbelastung sowie der Landbedarf für Futter und Weidefläche einen großen Einfluss auf unsere Umwelt. Schon heute hat die Viehzucht einen größeren Anteil an der Erderwärmung als der gesamte Auto- und Flugverkehr: 18 Prozent des weltweiten Treibhausgasausstoßes sind auf die Haltung von Tieren zurückzuführen, meldet die UNO.

Von einer umweltgerechten Ernährung kann also nicht die Rede sein. Doch warum sollten jetzt genau Insekten eine Alternative zum guten, alten Fleisch sein?

Insekten enthalten hochwertige Eiweiße und nicht einmal wenig davon: Frischer Mehlwurm beispielsweise besteht wie Rindfleisch zu rund einem Viertel aus Proteinen. Diese sind neben Kohlenhydraten und Fetten Hauptnährstoffe. Zudem enthalten viele Insekten Mineralstoffe, ungesättigte Fettsäuren, Vitamine und Ballaststoffe. Klingt gesund – und ist es auch.

Insekten sind also ähnlich nahrhaft wie herkömmliches Fleisch, aber sie haben einen extremen Vorteil: Ihre Umweltfreundlichkeit.

Statt zehn Kilo Futter für ein Kilogramm Rindfleisch zu investieren, tun es beim Mehlwurm zwei Kilo. Das nennt man eine hohe Futterverwertungseffizienz. Bei ihrer Futterwahl sind Insekten auch nicht sehr anspruchsvoll. Sie können sogar mit Bioabfällen gefüttert werden. Dann sind sie nicht mehr für den menschlichen Verzehr geeignet, könnten aber als Ersatz von Fischmehl in der Tierzucht dienen. Auch die Zucht in Fabriken auf mehreren Ebenen ist möglich. So kann Platz gespart werden und es müssen keine Wälder abgeholzt werden, um neue Weideflächen für grasende Vierbeiner zu schaffen.

Ein weiterer netter Nebeneffekt der Insektenzucht sind die geringeren Treibhausgasemissionen. Nur ein Hundertstel von den Treibhausgasen, die Schweine oder Kühe pro Kilogramm Körpergewicht erzeugen, entsteht bei der Insektenzucht. Außerdem haben erste Forschungen ergeben, dass Insekten nur einen Bruchteil des Wasserbedarfs von Vieh haben.

Also hat das Insektenessen nur Vorteile und wir sollten sofort beginnen, das Krabbelgetier zu futtern? Nein, denn es gibt noch ein paar Dinge, die vorher geklärt werden müssen. Momentan fehlen noch wichtige Daten. Zum Beispiel ist noch nicht klar, ob bei der Zucht im industriellen Maßstab Hygieneprobleme oder Krankheiten auftauchen. Was das Insektenessen betrifft, ist noch vieles nahezu unerforscht. Auch der Artenschutz ist problematisch, wenn in großem Stile Insekten vertilgt werden. Denn wie können heimische Arten geschützt werden, wenn fremde, invasive Arten dazukommen? Derzeit wird der Großteil der weltweit verspeisten Insekten aus der Wildnis gesammelt. Dies müsste sich bei einer höheren Nachfrage ändern, um die Arten nicht zu gefährden.

Was in unseren Breiten fehlt, sind gesetzliche Grundlagen. In der EU gibt es keine einheitliche Regelung, da Insekten als neues Nahrungsmittel gelten. Manche Länder wie die Niederlande, Belgien oder Großbritannien haben den Verkauf von Insekten als Nahrungsmittel jedoch bereits zugelassen. Eine einheitliche Regelung soll ab 2018 gelten.

Doch das größte Problem am Insektenessen ist und bleibt die Akzeptanz. In der westlichen Welt kommt ein erheblicher Ekelfaktor mit dem Insektenessen. Dabei beruht dieser nur auf anerzogenen Vorurteilen. Vor ein paar Jahren war Sushi auch noch eklig, heute  findet sich – zumindest in Mitte und Pankow – eine Sushibar in fast jeder Straße.

Es wartet viel Arbeit auf die Marketingexperten von Käfer & Co. Nicht einmal ein Fünftel der Deutschen würden Insekten freiwillig auf ihre Teller lassen, wie das Meinungsforschungsinstitut YouGov feststellte. Aber auch in Ländern, wo traditionell Insekten gegessen werden, geht der Trend zu Rindfleisch, Schwein und Huhn. Denn Grille, Heuschrecke und Käfer gelten dort zunehmend als altmodisch.

Insekten haben als Nahrungsmittel bisher noch keine nennenswerte Lobby, weshalb sie in absehbarer Zeit wohl nicht auf unseren Tellern landen werden. Aber wer weiß, vielleicht werden Heuschrecken, Schaben & Co. doch das neue Sushi. Es gilt abzuwarten. Aber nicht vergessen: Auch in Zukunft haben wir nur eine Erde.

 

Ole Schmitt, 10.2

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Dieser Artikel hat 2 Kommentare

  1. Warum sollten wir in Zukunft nur eine Erde habe?
    Sonst sehr lesenswerter Artikel.

    • „Warum sollten wir in Zukunft nur eine Erde haben?“…genau diese Denkweise ist das Problem – nach dem Motto: wenn eine Erde nicht ausreicht, dann verleiben wir uns eben noch eine Erde ein.
      Da kann ich nur sagen: Artikel gelesen – aber nichts dazu gelernt! Der Artikel soll eine Anregung sein, sich Gedanken zu machen, wie eine nachhaltigere Lebensweise des Menschen aussehen könnte, die nicht immer weitere und weitere Ressourcen verschlingt…

      Schönen Gruß!

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