Ich bin kein besonders mathematischer Mensch. Nicht, dass man das falsch versteht. Ich bin nicht übermäßig schlecht darin, und doch machte es mir immer mehr Spaß, das Deckblatt des Mathebuchs zu gestalten, als die Aufgaben darin zu machen. Trotzdem faszinieren mich Zahlen. Jede einzelne Zahl, Nummer hat nur eine Bedeutung, ist so speziell und doch so variabel. Jede Zahl kann gebildet werden und bilden. Jede Zahl kann vervielfacht und geteilt werden. Und es gibt jede Zahl. Alle Zahlen dieser Welt existieren auf dieser Welt. Sie sind alle individuell. Wie wir. Unser Erscheinungsbild und unsere Variabilität verstecken sich genauso, wie die kleineren, bildenden Zahlen an dritter, vierter oder fünfter Nachkommastelle hinter einem verallgemeinernden Begriff. 2 oder 11. Lena oder Frida. Wie auch immer wir heißen mögen, wir sind ein Staubkorn in der Ecke des Schranks, der sich unser Name nennt. Wir sehen dich oder mich an und sagen, „Lena´´. Und ich schaue in meinen Pass und sehe „Lena Thiele´´. Ja, mein Pass scheint mich zu kennen. Mein Pass scheint, die Schranktür zu sein, die man öffnet, um das Staubkorn im Licht leuchten, zu sehen. Meine Identität das Körnchen, das man für Dreck halten kann und das ganz einfach wegzukehren ist. Meine Identität, die sich aus Milliarden, nein, Unendlichen von kleinen Dezimalzahlen zusammensetzt und gar nicht so einfach auszusprechen ist wie ein Name. Meine Identität, die tanzt, sich versteckt, zerbricht. Wer ist sie? Ich weiß es nicht. Wo ist sie? Ich weiß es nicht. Gibt es sie? Ich weiß es nicht. Sie ist eine genauso zarte und zerbrechliche Gestalt wie die tollenden Staubkörner in einer Scheune oder wie das Gefühl, wenn man einen Igel in die richtige Richtung streichelt und ihn dann in die Freiheit entlässt oder wie der Geruch von der U2 in Berlin, der sofort wieder verfliegt, wenn man aus dem dunklen U-Bahn-Tunnel an das schmerzendhelle Licht tritt. Wenn du jetzt denkst, die Identität ist das Ergebnis, das du am Ende einer Rechnung erhältst, dann verstehst du mich nicht. Identität ist ein Zwischenergebnis in einer lebenslangen Reise durch die unterschiedlichsten Zahlengewirre. Vielleicht ist sie nicht mal eine Summe, vielleicht ist sie auch nur die sechste Null hinter einer eins oder sie ist das Zeichen zwischen zwei Zahlen. Und ja, ich weiß, dass ich noch eine Weile suchen und warten muss, bis ich vielleicht irgendwann auf einem verlassenen Bauernhof aus einem verstaubten Schrank ein altes Mathebuch herausziehe, meine Identität finde und vielleicht finde ich sie auch beim Matheunterricht, wenn ich mal mein Buch dabei hätte. Oder eben gar nicht. Bewusst wird mir der Fund sowieso erst viel später werden. Was ich vielleicht jetzt schon weiß ist, dass es, egal was mein Mathelehrer mir erzählt, auch im Matheunterricht nicht allein um das Rechnen geht.

Wieviel meiner Selbstdarstellung macht meine Identität aus?

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.