Auf unserem Küchentisch landen immer mehr Produkte, deren eigentlicher Ursprung ungewiss ist. Während Anfang des 19. Jahrhunderts die Menschen noch überwiegend in der Landwirtschaft tätig waren, arbeiten seit Beginn der industriellen Revolution und mit dem Aufstieg des Kapitalismus seit Ende des 19. Jahrhunderts mehr und mehr Menschen in der Industrie und im Dienstleistungsgewerbe. In den USA waren 2010 nur noch 2 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, während 20 % in der Industrie und 78 % im Dienstleistungsgewerbe beschäftigt waren. Es werden also 98 % der amerikanischen Bevölkerung von nur 2 % derselben ernährt. Wie in anderen Wirtschaftszweigen verfolgt auch in die Landwirtschaft die Profitmaximierung. Dies ist ein Wesenszug kapitalistischen Handelns, wie er bereits vor etwas mehr als 150 Jahren von Karl Marx, der in diesem Jahr übrigens seinen 200. Geburtstag feiert, in seinem Hauptwerk „Das Kapital“ (1867) beschrieben wurde. Unter der Maxime der Gewinnoptimierung missachten die sogenannten Global Player teilweise die Menschenrechte, betreiben Umweltdumping und tragen zur Zerstörung von Kulturen bei. Schließlich ist es für die mächtigen Konzerne günstiger, sich in wirtschaftlich schwachen Regionen anzusiedeln, wodurch es zu einer Verdrängung einheimischer Strukturen kommen kann. Diese sind ausländischen Konzernen oft nicht gewachsen und müssen meist trotz ärmlicher Verhältnisse auch noch mit der Umweltverschmutzung und daraus resultierenden Krankheiten fertig werden.

Die Wirtschaft unterteilt Menschen in „Konsumenten“ und „Produzenten“. Um die Auswirkungen zu verstehen, wäre Transparenz erforderlich. Die Möglichkeit und das Verlangen, jederzeit Zugriff auf Konsumgüter aller Art haben zu können, geht einher mit einer Verantwortung, der unsere Gesellschaft derzeit kaum gerecht wird. Regelmäßig nehmen wir hilflos Nachrichtenmeldungen über unmenschliche Produktionsbedingungen, die Auswirkungen des Klimawandels und Giftstoffe in unseren Nahrungsmitteln zur Kenntnis. Die Folgen werden immer evidenter, aber was tun wir dagegen?

In unseren Nahrungsmitteln lauern potenzielle Toxine. Die Zubereitung der Nahrungsmittel und die Dosis sind ausschlaggebend dafür, ob das Essen für uns giftig ist oder nicht. Dennoch vertrauen viele Menschen blind dem Supermarktzauber: „Was in Supermärkten steht, kann nicht giftig sein“, scheinen sie zu denken. Welche Auswirkungen diese Produkte auf ihren Körper oder die Umwelt haben, ist für viele Verbraucher dabei zweitrangig. Es ist aus Sicht der Nahrungsmittelindustrie nicht wünschenswert, dass Kunden verstärkt darüber nachdenken, wie viele Tafeln Schokolade ihnen zuträglich sind. Kommt es tatsächlich einmal zu solch einer „Schoko-Absatzkrise“, wird das Interesse der Kunden für Schokolade gewöhnlich schnell durch Rabatte und Sonderangebote neu entfacht. Auf diese Idee ist nicht nur der Edeka-Laden neben unserer Schule mit seiner „Milka-Aktion“1 gekommen. In französischen Supermärkten kam es Ende Januar zu Handgemengen, weil Kunden unter Einsatz aller ihrer körperlichen Kräfte in den Genuss eines 70%igen Rabatts auf Nutella (1,41 statt 4,50 € für 900 Gramm) kommen wollten. Zum einen also sind die Massen vom Konsumrausch besessen, zum anderen befeuern Marketing und Werbung immer mehr unser vorwiegend emotional getriebenes Kaufverhalten. So dient der Konsum von Süßem häufig als Ersatzbefriedigung oder zur Kompensation negativer Erlebnisse, wie zum Beispiel einer verhauenen Klassenarbeit. Dadurch essen viele Menschen mehr von dem süßen Gift, als ihnen gut tut.

Die Industrialisierung und der damit einhergehende rasante Anstieg der Bevölkerungszahlen machte eine entsprechende Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion notwendig. Scheinbar war dies in vielen Fällen nur unter Einsatz von für den Menschen potentiell giftigen Substanzen und fragwürdigen Praktiken möglich. Es verwundert daher nicht, dass ein Großteil unserer Nahrungsmittel heute mehr Gifte enthalten als vor der Industriellen Revolution. Die Nachfrage konnte zwar in vielen Ländern der Welt gedeckt werden, die unkontrollierte und experimentelle Massenproduktion führte jedoch zum Anstieg der Schadstoffkonzentrationen sowohl in den Lebensmitteln als auch in den Böden. Langlebige Schadstoffe oder auch „persistent organic pollutants“ (kurz POPs) wirken wie eine Zeitbombe, denn POPs akkumulieren über die Nahrungskette2. Zu ihnen zählen u.a. verschiedene Pflanzenschutzmittel (DDT), Industriechemikalien (wie z.B. polychlorierte Biphenyle, PCB), sowie Dioxine und Furane. Seit 1976 sammelt die World Health Organisation (WHO) Daten über POPs und wertet diese aus. Im Rahmen des Stockholmer Übereinkommens wurden im Jahr 2004 so beispielsweise viele dieser Substanzen in 50 Staaten verboten. Das Abkommen wurde bis heute von 181 Ländern ratifiziert. Dennoch spürt man die Auswirkungen dieser Substanzen auf die Umwelt nach wie vor. Immer noch kommt es bei Lebensmitteln zu Überschreitungen von und Verstößen gegen die Zulassungsrichtwerte der EU. 2010 schaffte es Dioxin verseuchtes Futtermittel in Deutschland in die Schlagzeilen, 2013 soll sogenanntes Gammelfleisch mit frischem Fleisch vermischt worden sein und 2017 zeigten Eier eine zu hohe Belastung mit dem Insektengift Fibronil.

Lebensmittelskandale kann man nie völlig ausschließen, jedoch kann man versuchen, „biologische Anbieter“ zu unterstützen und sich insgesamt ausgewogen und bewusster zu ernähren. Jeder von uns kann mit aktiven Entscheidungen seine tägliche Dosis Gift verringern. Zahlreiche Lebensmittel enthalten Giftstoffe, ohne dass dies gemeinhin bekannt ist. So enthalten rohe Champignons Agaritin, welches durch den chemisch-biologischen Abbau zu krebserregenden Derivaten verstoffwechselt wird. Beim Erhitzen von Pilzen wird das Gift – bevor wir es konsumieren – abgebaut. Es wird daher empfohlen, Pilzmengen ab 100 g zu garen. Wie schon Paracelsus (1493-1541) wusste: „Die Dosis macht das Gift“ (lat. Sola dosis vacit venenum). Bei Reis tritt ein ähnliches Problem auf, das ebenfalls beherrschbar ist. In Reis finden sich häufig Arsenrückstände. Das Halbmetall Arsen kann beim regelmäßigen Verzehr Haut- und Leberkrebs verursachen, jedoch können durch das ordentliche Waschen von Reis wesentliche Mengen entfernt werden. Viele Obst- und Gemüsesorten sollten vor dem Verzehr ebenfalls gewaschen werden, da einige mittlerweile zu vielen Pestiziden ausgesetzt sind, die sich auf der Schale ablagern können. Nach dem Abwaschen wird ein zusätzlicher Pestizid-reduzierender Effekt durch das anschließende Abtrocknen von Obst und Gemüse erzielt. In unreifen Tomaten und Tomatenstielen ist Solanin enthalten, was bei Mengen ab 200 Gramm ausreicht um einen Erwachsenen zu vergiften. Die Folgen sind Benommenheit, erschwerte Atemtätigkeit (Dyspnoe), Übelkeit und selten der Tod. Auch bei Zimt und Waldmeister muss man auf die konsumierte Menge achten. Diese Pflanzen enthalten als sekundären Pflanzenstoff Cumarin. In größeren Mengen ist Cumarin gesundheitsschädigend und kann lebertoxisch wirken und die Blutgerinnung beeinträchtigen. Alleine sollte man daher keine ganze Packung Zimtsterne verzehren, sondern diese besser mit Freunden teilen. Bei zahlreichen anderen Nahrungsmitteln gibt es ähnlich einfache Tricks – man muss sie nur kennen. Mit der Aufgabe, sich eine gesunde Ernährung zusammenzustellen, steht der Verbraucher letztendlich allein da. Man darf sich jedoch von den potentiellen Giften nicht gänzlich abschrecken lassen: Erst eine zu hohe Dosis hat negative Folgen für den Körper; diese Dosis kann bei den verschiedensten Giften unterschiedlich sein und lässt sich, wie eben beschrieben, häufig mit einfachen Mitteln reduzieren.

Bis Sommer 2019 sollen die Zusammensetzung und die Belastung von Lebensmitteln nach dem Willen von Union und SPD noch besser deklariert werden. Inhaltsstoffe müssten laut diesem Plan pro 100 Gramm oder sogar pro 100 Milligramm angegeben werden. Gegebenenfalls kann dies durch ein System mit Ampelfarben auf den Verpackungen unterstützt werden: Zucker, Salze sowie ungesättigte und gesättigte Fettsäuren sollen dann bei viel zu hohen Werten mit einer roten Markierung, bei leichten Überschreitungen mit einer gelben und bei Einhaltung der Grenzwerte mit einer ebensolchen grünen gekennzeichnet werden.

Merken Sie, wie das Konzept wieder auf Ihr emotionales Kaufverhalten mit Warnfarben anspielt? Im Moment ist allerdings noch nicht klar, wie hilfreich diese „Warnung“ für die Bevölkerung tatsächlich sein wird. Denn seltsamerweise fordern auch Großkonzerne wie Coca Cola, Mars, Pepsi und Nestlé die Einführung eines Ampelsystems. Ein solches System existiert im Vereinigten Königreich bereits. Wenn keine staatliche Regelung erfolgt, könnten die Konzerne dazu übergehen, ihre eigenen Deklarationen zu gestalten, was dann in wahrscheinlich allen Fällen im Sinne der Profitmaximierung geschehen würde. Dann wäre dies nur ein weiteres Mittel, um für die eigenen Produkte zu werben, anstatt eine Stütze und Hilfe für den Verbraucher zu bieten, um damit sein Konsumverhalten in gesündere Bahnen zu lenken. Vor Bildung einer neuen Regierung besteht in Deutschland kaum eine Möglichkeit, eine staatliche Regelung einzufordern – aber erst wenn die „Verbraucher“ diese Werte aktiv einfordern, wird man der Macht der Global Player etwas entgegensetzen können. Beileibe hätten auch nicht alle Konzerne bzw. deren Produkten von einer solchen Regelung einen Nachteil, da sie durchaus von solch einem Gesundheitstrend profitieren könnten. Der Ernährungsindustriesprecher Jürgen Abraham stellt klar, dass das Kaufverhaltens vieler Menschen so aussehe, dass der gute Wille an der Kasse ende. Wenn die Milch aus Freilandhaltung dreißig Cent mehr kostet, greifen die meisten Deutschen zur billigeren Version. Wenn der Preis stets vorgeht und die Gesundheit eine zweitrangige Rolle zu spielen scheint, dürfen sich die Konsumenten, die prinzipiell in der Lage wären, einen etwas höheren Preis für die Lebensmittel zu bezahlen, auch nicht mehr über Eiter in der Milch aufregen, über die Rohdung des Regenwaldes für die Gewinnung von Palmöl oder über die Antibiotika-resistenten Erreger im Massenproduktionsfleisch. Schließlich werden die EU-Richtwerte von den Unternehmen, nach eigener Aussage, eingehalten. Wir sollten uns aber bewusst machen, welche Folgen unsere Fahrlässigkeit hat und was bzw. wen wir bei unserer Nahrungsauswahl unterstützen. Die Stimme der geballten Macht der Verbraucher könnte viele Dinge verändern. Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft die Wertediskussion mehr in den Vordergrund gerückt wird. Sollen wir weiter dem zu Völlerei neigenden Wachstumsgedanken des Kapitalismus frönen? Oder übernehmen wir stattdessen Verantwortung für Umwelt, Tier und Mensch?

Ich denke, es wäre höchste Zeit, präventiv gegen Schadstoffe in unserer Nahrung vorzugehen und die Unternehmen daran zu erinnern, dass deren Unternehmensziele nicht nur Wachstum und Profit sein dürfen, sondern gleichzeitig auch den Menschen und sein Wohl im Fokus haben müssen. Ist dies nicht der Fall, dann sollten wir das auch auf politischer Ebene einfordern. Demokratie, Wissen und Freiheit bedeuten auch Übernahme von Verantwortung. Egal wie viel Verantwortung Sie tragen wollen – letztendlich wünsche ich Ihnen einen guten Appetit!

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.