Ich heiße N. Ich bin 17 Jahre alt. Ich habe grüne Haare. Ich trage ein Septum-Piercing. Ich habe meinen eigenen Modetrends.

Ich bin kein Punk.

Diese zugegebenermaßen grobe Beschreibung meiner Selbst hat dich, euch, den Leser möglicherweise genau das denken lassen. Basierend auf einer oberflächlichen Betrachtung hat sich in deinem Kopf ganz schnell ein Türchen geöffnet, in welchem ein Bild von einem, deiner Meinung nach, Punk war, der vielleicht ein größeres ,,Extrem´´ als ich darstellt. Selbstverständlich weiß ich, dass es weit aus mehr braucht, um ein Punk zu sein, du auch, aber aufgrund der oben genannten Beschreibung hast du mich wie erwartet dieser Gruppe zugeordnet. Selbst, wenn du jetzt ein Ausnahmefall warst und dies nicht getan hast, läuft mir diese Bezeichnung immer wieder über den Weg.

Alle Aspekte der Beschreibung habe ich mir einst selbst ausgewählt. Womöglich, weil sie für mich richtig wirkten und mir ein gutes Gefühl gaben; nicht aber, um ein bestimmtes Statement abzugeben. Sie sind ein Teil dessen, wie ich mich meiner Welt präsentieren möchte. Doch ist jede Entscheidung, die das Aussehen oder Verhalten betrifft, verknüpft mit Konflikten in einem selbst. Was für den einen normal zu sein scheint, kann für eine andere Person Provokation darstellen. Jeder ist geprägt durch die Gesellschaft und verbindet im Laufe seiner Zeit gewisse Verhaltensweisen mit einem daraus resultierend passendem Bild. Stereotypen entstehen. Aus Stereotypen entwickelt sich ein Charakterkonstrukt, das sich ganz einfach auf die unterschiedlichsten Menschen übertragen lässt, und durch dieses Charakterkonstrukt erhalten sie eine Identität. Es ist hierbei bloß geringfügig relevant, inwiefern sie mit dieser Identität übereinstimmen oder ihr gar zustimmen, denn sie wurde ihnen von der Außenwelt erteilt. Alles wird irgendwie eingegliedert. Sollte also deine eigene Selbstdarstellung dazu führen, dass dir ein Konstrukt auferlegt wird, dem du nicht nur widersprichst sondern, das zusätzlich negativ besetzt ist, so ist deine persönliche und ursprüngliche Identität in Gefahr und mit ihr deine soziale Existenz.

In derartigen Momenten wenden viele Menschen von ihrer ursprünglichen Idee ab. Sie haben Angst vor der Abweisung ihrer Umgebung und wählen ein Bild, eine Rolle, womit sie sich sicherer fühlen. Auch ich begann ein gewisses Sein zu inszenieren, das schon zuvor angenommen wurde, weil ich relativ früh anfing unter anderen Menschen aufzufallen. Ich kreierte eine Persönlichkeit und erhielt auf dieser basierend, verständlicherweise, eine Identität zugeteilt. Eine derartige Situation lief passiv ab; ich habe mir meine ´wahre´ Identität weder gebildet, noch ausgesucht.

Später erkannte ich aus dieser Inszenierung zu Gunsten anderer auszubrechen, denn sich selbst einzuschränken und zu verstecken, macht krank. Zwar bin ich auch heute noch stark eingeschränkt von den Meinungen und Anforderungen meiner Umgebung, jedoch löse ich mich mehr und mehr von ihnen und entdecke, wer ich selbst wie sein mag. Die auferlegte Identität wurde gebrochen. Jetzt bastle ich mir von Zeit zu Zeit meine womöglich eigentliche Identität zusammen und manchmal, wenn ich merke, dass ein Stück doch nicht passt, ist es auch in Ordnung, wenn ich es wieder entferne. Die Identität ist fluid.

Es ist ein Prozess, den ähnlich jeder Mensch durchlaufen sollte, um sich eine Identität zu bilden. Man muss lernen, das Eigen-Ich sein zu wollen und ebenso willig es zu finden und zu werden. Dieses Eigen-Ich lässt sich beispielsweise durch Experimente in der Selbstdarstellung finden, kann aber auch durch andere Faktoren wie Interessen und Freundschaften langsam erreicht werden.

Deine Selbstdarstellung kann dir zu deiner Identität verhelfen und deine Identität beeinflusst unmittelbar deine Selbstdarstellung, aber das eine gleicht nicht dem andern.

Ich heiße Noël. Ich habe diesen Namen selbst für mich gewählt, genauso wie meine grünen Haare und mein Septum-Piercing. Ich bin 17 Jahre alt und auf meinem Weg mich selbst zu finden, mit mir ins Reine zu gelangen und meine Identität zu bilden. Das ist mein Prozess. Ich bin nicht mein Aussehen, meine Herkunft, meine Schule und so weiter.

Ich bin einfach nur ich.

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