Ein Plädoyer
Der korrekte Umgang mit Menschen kann mit Recht schwierig genannt werden. Wobei „ korrekt“ nicht auf förmlicher Ebene gemeint ist, sondern schlicht als ein Begriff für richtig verwendet wurde. Dies ist zumindest meine Alltagserfahrung. Wer dem widerspricht, wer behauptet, dass er tagtäglich prima unter Menschen lebe und sich entsprechend verhalte, dem antworte ich: eben.

Es reicht nämlich nicht aus, selbst gut zurecht zu kommen. Vielmehr liegt hier ein elementarer Trugschluss vor, indem der andere, stellvertretend für jeden Mitmenschen, nicht in die Betrachtung einbezogen wird. Man blickt nur auf die eigene Lage und prüft, ob und wie man von seiner Umwelt angenommen wird. Somit ist ein Problem schon in der falschen Beurteilung und Diagnose, vor allem unserer Beziehung mit der Umwelt betreffend, gegeben. Daher hilft es, einmal dem genauen Grund für unser diesbezügliches Verhalten auf die Spur zu kommen. Deutlich wird, dass wir Jugendliche uns in unserem tiefsten Innern oft von der Welt unverstanden fühlen, nicht korrekt aufgenommen und irgendwie unerfüllt. Hinzu kommt eine Art Enttäuschung, also das Gefühl, oftmals nicht genügend gewürdigt zu werden für unsere Verhaltensweisen. Dieses Denken überfällt uns oft wenn wir alleine sind, meist zuhause, vielleicht auf der Couch oder im Bett. Dann sind wir davon überzeugt, zu den einsamen und verkannten Genies dieser Erde zu gehören und schöpfen daraus eine gewisse Kraft, vergleichbar mit einem Schutzwall, der gleichzeitig aber auch die Verzerrung der Wahrnehmung vieler Dinge, die um uns herum geschehen, verursacht. Eine glorreich in den Köpfen eingeschlossene Vorstellung einer Legion traumwandelnder Jugendlicher in Deutschlands Kinderzimmern. Einbildung ist letztlich auch Bildung.
Dies scheint das Leben an einigen Stellen sicherer zu machen, denn wer seine eigenen Fehler und Probleme leugnet, muss nicht befürchten, dass jemand ihm mit diesem Wissen in den Rücken fällt. Würde eine derartige Erkenntnis genug Leute traurig stimmen, könnte vielleicht auch etwas gegen den Mangel an Vertrauen, welcher dem Phänomen zu Grunde liegen scheint, getan werden. Jedoch ist das Gegenteil der Fall, da der Mensch zusätzlich die Worte: „Angriff ist die beste Verteidigung“ zum Ausgangspunkt vieler seiner Handlungen macht. Gemeint sind damit konkret alle Lügen und Lästereien, Kritiken und Seitenhiebe an und über andere Personen. Vorzugsweise sind diese dann noch nicht einmal anwesend, was die Sache doppelt leicht macht. So kann die Person nicht widersprechen und die Äußerung gewinnt ein gewisses Eigenleben. Leider ist dieser Vorgang alles andere als konstruktiv, sondern vor allem einfach.
Man erzählt sich die Geschichte von einem Griechen, der von einem Bekannten aufgesucht wurde. Jener war äußerst aufgeregt und schien ihm etwas Wichtiges mitteilen zu wollen, denn sogleich fing er in etwa so an: „Du, Sokrates, ich muss dir unbedingt erzählen, was ich über einen Mann aus meiner Nachbarschaft herausgefunden habe!“ Jedoch wurde der Mensch sehr schnell durch den Philosophen unterbrochen, welcher fragte, ob er denn sein Anliegen mit den drei Sieben geprüft habe. Sein Bekannter war verwirrt und konnte sich daraus keinen Reim machen. Deswegen erklärte Sokrates ihn auf: „Ist das, was du mir sagen möchtest, wahr? Dies ist das erste Sieb.“ Sein Gesprächspartner antwortete ihm, dass er es nur von jemand anderem gehört habe und es deswegen auch unwahr sein könne. „Soso“, entgegnete der Weise, „ist es denn überhaupt wichtig, dass du so eilig zu mir kommst und mit mir darüber sprechen möchtest?“ „Eigentlich ist es das nicht“, gab der andere zu. „Und passt es etwas auch nicht durch das dritte und letzte Sieb, das Sieb der Güte, hindurch? Ist es etwas Gutes, was du berichten wolltest? Kleinlaut verneinte sein Gesprächspartner auch diese letzte Frage und sah seinen Fehler ein. Auch uns stellt sich daraufhin eine Frage, nämlich ob wir bereit sind, die Erkenntnis des antiken Starphilosophen aufzunehmen und entsprechend danach zu handeln. Denn das verlangt auch von uns Einsicht und eine gewisse Demut, was der Mehrheit seit jeher schwerfällt. Die Chancen sind jedoch enorm und wiegen die Beschwerlichkeiten der Umsetzung mühelos wieder auf. Falls die drei Siebe des Sokrates Eingang in unser Denken und unsere verbalen Äußerungen finden würde, könnte das enorm zu einem besseren und vernünftigeren Umgang untereinander führen. Dafür ist nur ein entsprechendes Maß an Güte, Wahrheitsliebe und Selbstdisziplin notwendig.
Durch das eigene Ego, welches gewissermaßen größeres Selbstbewusstsein (und Stärke) fordert, glauben manche, sich unbedingt positiv von anderen abheben zu müssen. Doch dadurch verliert man schnell nun vollends den Zugang zu sich selbst und zu den eigenen Bedürfnissen. Sie werden überdeckt, zugedeckt, verpackt und anschließend versteckt. Ein paradoxes Verhalten, eigentlich. Weil wir uns selbst gut fühlen wollen und wollen, dass wir uns durch andere gut fühlen, kommt die Fühlung für unsere eigentlichen Wünsche abhanden und wir verbauen sie auch unseren Mitmenschen. Unbezwingbare Mauern aus Kränkungen, Anmaßungen und Verleugnungen trennen uns dann manchmal von anderen. Zugegeben, es ist zutiefst menschlich und niemand ist wohl vollkommen frei davon. Aber muss man das so hinnehmen? Ich hoffe nicht. Deswegen hatte ich das Bedürfnis, von den drei Sieben zu berichten. Berücksichtigten wir alle dies in unseren Umgangsformen, das Resultat wäre viel erfreulicher als alles Konsumieren irgendwelcher Benimm-Bücher. Es würde, so glaube ich, zu einem besseren Miteinander führen.
Wer das als Affront empfindet, bitte. Das gehört sicherlich dazu im Leben innerhalb einer Gesellschaft und besitzt eine wichtige Funktion, da es zum Dialog einlädt und bestenfalls schließlich alle Beteiligten schlauer macht. Nur, dass ein solcher Meinungsaustausch nicht verdeckt und ungesiebt, sondern fair und öffentlich bleiben muss.

von Straße 103

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