Fotoanalyse zu Cindy Sherman »Untitled 96« (1981) (Textgrundlage: Anna, Willi und Sonja)

Bildschirmfoto 2017-12-11 um 21.01.01

Das Bild »Untitled 96« von Cindy Sherman aus der Serie »Center Fold« stammt aus dem Jahr 1981. Auf den ersten Blick wirkt das Bild durch die auf dem Boden liegende Person ruhig, erschöpft, fast nachdenklich. Die warmen orange-roten Farben dominieren die Szenerie. Das im Zentrum befindliche Mädchen ist sommerlich gekleidet, in kurzärmeligem Shirt und leicht ausgestelltem, kariertem Baumwollrock.

So wie sie da liegt, füllt sie das Bildformat komplett aus. Das Bild im Querformat sowie die Draufsicht verstärken den Fokus auf die Daliegende. Es entsteht eine Unmittelbarkeit, der sich die Betrachtende nur schwer entziehen kann. Im Bann dieser Szenerie stellt sich nach längerer Betrachtung ein gewisses Unbehagen ein, denn trotz der koketten Körperhaltung entsteht durch die eher schlichte Kleidung eine gewisse Ambivalenz. Gleichwohl das Shirt kurze Ärmel hat, ist es in keinem Fall Körper betonend, noch weist es einen sonderlich tiefen Ausschnitt oder im Zusammenspiel mit der aufreizenden Pose adäquate Eigenschaften auf.

Das Motiv wird von links oben durch eine externe Lichtquelle beleuchtet. Folgt man dem Blick der Figur, so scheint er die Betrachtende in die gleiche Richtung zu lenken. Doch was kann das bedeuten? Wer oder was versetzt sie in schames Röte?

Die Schärfentiefe ist im gesamten Bild relativ niedrig. Raumtiefe wird nicht erzeugt. Das Mädchen ist zentral auf dem bräunlich gepflasterten Steinboden drapiert. Im Mittelpunkt steht der Oberkörper der Person, besonders ihr Brust- und Bauchbereich. Betont wird dieses Areal durch die leuchtend satten orange-roten Farbtöne.

Durch die diagonalen Kompositionslinien entsteht eine gewisse Dynamik. Gleichermaßen potenziert sich diese gewisse Unruhe im Bild durch den speziellen Einsatz von Licht und Schatten. Die dunkleren Bereiche liegen im rechten unteren Bildrand sowie im rechten Nackenbereich zwischen dem angewinkelten Arm und dem Schulterbereich der jungen Dame. Im Gegensatz dazu liegen die helleren Felder im linken Bereich. Besonders im Lichtfokus sind Stirn, Augen- und Wangenpartie sowie der linke Halsbereich. Angestrahlt werden Rock und Shirt. In Kombination dazu wirkt das warm-hitzige Orange-Rot der Kleidung. Es ist als ob sich die junge Dame soeben leicht überhitzt und errötet zu Boden niederließ und sich angeregt durch den Inhalt des Briefes in ihrer linken Hand in Gedanken rekelt. Nur der Blaustich im Rock scheint dieser Lage etwas Kontrastierendes in warm-kalt entgegenzuhalten. Somit wird erneut auf das unbehagliche Gefühl, welches sich beim Betrachten des vermeintlich harmlosen Sujets einstellt, rekurriert.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Bild einen aufwühlend dynamischen Eindruck hinterlässt. Mit dem Wissen um das Genre der »Inszenierten Fotografie« wird klar, dass es sich bei der Motiv gebenden Figur um Sherman selbst handelt. Sie ist es, die in »Untitled 69« in einen filmisch-szenischen Ausschnitt aus den 1950er Jahren schlüpft. Die vermeintlich naive Hausfrau zeigt sich ungewohnt kokett. Mit burschikoser Kurzhaarfrisur liegt sie auf dem blanken Boden mit einem Brief in der Hand von lauter orangener Röte fast platzend. Ihr ist die Errötung bis unter die Haarspitze anzumerken, dabei scheint sich das nicht zu gehören für anständige Damen aus wohlbehütetem und gut sortiertem Hause. Sherman führt den Betrachtenden an einen Ort naivster Privatheit. Hier sollte eigentlich ein Schild mit der Aufschrift »Zutritt verboten« prangen, aber nonchalant, fast im Voyeurs-Stil schaut die Betrachtende von oben wie in einen Guckkasten auf den Moment der peinlichen Berührung. Bis es kippt und die Betrachtenden selbst ergriffen von dieser Stimmung sich rücklings aus dem Betrachten herausfallen lässt.

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