In dem gesellschaftskritischen Film „Captain Fantastic“ geht es um eine Familie, welche abgeschieden von der Gesellschaft in der Natur lebt. Die Kinder gehen nicht zur Schule, sondern werden von ihrem Vater unterrichtet. In der Handlung wird diese Form der Bildung als deutlich effektiver angesehen, da die Kinder frei von gesellschaftlichen Einflüssen aufwachsen. Auch in der Realität wird häufig die sture Wissenspaukerei und der Leistungsdruck in der Schule kritisiert, die Selbstentfaltung des Individuums kommt dabei vielen zu kurz. Über den Begriff der Bildung existieren unterschiedlichste Auffassungen, da er in vielfältiger Weise gebraucht und definiert wird. Die einen sehen Bildung als systematisches Auswendiglernen, die anderen als Entfaltung zu einem selbstständigen, kritikfähigen Denken. Doch wem dient die Schule eigentlich?

Die angesprochene Problematik lässt sich am Beispiel der bayrischen Grundschullehrerin Czerny veranschaulichen. Diese reformierte ihren Unterricht so, dass ihre Klasse einen Notendurchschnitt von 1.8 hervorbrachte. Der Schulvorstand reagierte darauf mit Kritik, Czerny würde die Schüler unterfordern. Dabei fiel die Aussage „[…] auch bei ihnen muss es Vierer, Fünfer und Sechser geben“1, denn die Noten sollten die „Gaußsche Normalverteilungskurve“ widerspiegeln. Dies bedeutet, es gibt viele mittelmäßige, einige gute und einige schlechte Schüler. Man geht dabei davon aus, dass der IQ genauso verteilt sei. Ist also die Notenverteilung nur ein realistisches Abbild der Intelligenzverteilung? Nein, sie ist vielmehr ein Abbild der Sozialstrukturen der Gesellschaft.

Nach Helmut Fend existieren drei Funktionen der institutionalisierten Bildung. Beginnend mit der Qualifikationsfunktion, welche zur Anhäufung ausreichender Fähigkeiten und Wissen führen soll, sowie das vom Schulgesetz genannte Ziel, auf die „größtmögliche Entfaltung ihrer Persönlichkeiten“2 hinzuarbeiten. Die Realität sieht jedoch völlig anders aus. Häufig äußert sich dies in Bulimie-Lernen oder dem Scheitern des Bildungsauftrages durch gelangweilte und uninteressierte Schüler. Eine weitere Funktion ist die sogenannte Integrationsfunktion, welche darin besteht, die Schüler an die Gesellschaft anzupassen. Durch täglichen sozialen Kontakt in der Schule sollen gesellschaftlich erwünschte Verhaltensweisen einstudiert werden, wie zum Beispiel der Respekt vor Autoritätspersonen. Zuletzt benennt Fend die Selektionsfunktion, aus welcher wohl alles Übel entspringt. Diese vernachlässigte Czerny, als sie neun ihrer zehn Schüler auf das Gymnasium schicken wollte. Selektion bedeutet in diesem Fall „die Schüler im Hinblick auf verschiedene Schullaufbahnen und Lebenschancen […]“3 zu sortieren. Für alle Eltern besteht irgendwann die Schicksalsfrage, ob ihr Kind nun seine Schullaufbahn an einem Gymnasium oder an einer Sekundarschule fortsetzt. Für viele entscheidet diese Wahl über ihre zukünftigen „Lebenschancen“. Verwunderlich ist, dass dies so offen geäußert wird, als ob es keine Kritik an der Formulierung allein auszuüben gäbe. Aus diesem System gehen nämlich nach Strich und Faden Bildungsverlierer hervor. Die weniger leistungsfähigen Schüler bleiben zwischendurch auf der Strecke, jene mit gutsituierten Eltern erhalten vielleicht die angemessene Hilfe, andere können sich das nicht erhoffen. Zwar existiert in Deutschland für jeden die Chance sich zu bilden, aber nicht für jeden gleichermaßen. Und da hat man den Unterschied zwischen der Chancengleichheit, die besteht und jener, die gefordert wird. Wenn Schüler auf „Lebenschancen“ von unterschiedlichem Niveau aufgeteilt werden, wie kann dann eine Chancengleichheit bestehen? Das ist ein vollkommen offengelegter Gegensatz.

Das Privileg, zur Schule gehen zu dürfen, geht mit der einseitigen Betrachtung von Leistung und der Reduktion ihrer Bewertung auf eine einzige Zahl einher. So wird Bildung zum Mittel des Staates und der neoliberalen Wirtschaft, ferner dient sie der Reproduktion sozialer Strukturen. Wer von Anfang an eine schlechtere Bildungsausgangslage besitzt, zum Beispiel durch Eltern, die aufgrund von Nebenjobs nie da sein können oder weniger finanzielle Mittel besitzen, dem fällt es schwieriger, aus seiner sozialen Schicht auszubrechen. Dagegen besitzen Schüler mit wohlhabenderen Eltern höhere „Lebenschancen“.

Die Leistung in der Schule steht außerdem immer in Relation zu den Leistungen der Mitschüler, wodurch Wettkampf entsteht. Das kann man viel zu häufig in den Klassenräumen beobachten: Ein Schüler hat zum ersten Mal keine Hausaufgaben dabei und fragt seine Mitschüler, ob er abschreiben könne. Viele wehren sich und wollen ihre eigens erbrachte Leistung nicht mit anderen teilen. Auch bei mir selbst kann ich das beobachten. Durch die Reflexion, welche ich meine, darüber zu haben, lasse ich es aber nicht zu. Möglich ist es jedoch, dass andere diesen unterbewussten Mechanismus des Konkurrenzkampfes nicht reflektieren und damit dem auch nicht entgegenwirken.

Es ist nun mal so, dass der eine Notendurchschnitt, welcher uns am Ende von 12 oder 13 Schuljahren überreicht wird, unsere Zukunft ausmacht. Nicht mein Wissen oder die Kompetenzen in dem Fachgebiet, welches ich studieren möchte, sind von Bedeutung. Nein, es bleibt bei einer einzigen Zahl. 

In unserem Schulsystem existieren viele Probleme, welche zu erarbeiten und ergründen mehr als nur zwei Seiten benötigten. Jedoch entstehen diese durch ein dahinterstehendes System, welches nur begrenzt kritikfähige und selbstständige Menschen benötigt. Denn legitimiert sich nicht jedes System automatisch selbst? Darum kümmert sich die Integrationsfunktion der Schule. Wir erlernen Werte und Normen, die eine ungleiche Verteilung aufgrund von verschiedenen Leistungsfähigkeiten rechtfertigt. Damit ist die Bildung eine nicht wegzudenkende Säule der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Die institutionalisierte Bildung hat zum größten Teil also nicht die Aufgabe das Volk zu bilden, sondern eines zu schaffen, welches den Kapitalismus unterstützt, indem die normativen Grundlagen eines Herrschaftsverhältnisses reproduziert werden, egal ob man derjenige mit den minderen „Lebenschancen“ ist oder zur Oberschicht gehört.

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