Zurück in Berlin. Asphalt, Bierdosen neben den orangefarbenen Mülleimern, Großstadtleben. Heimatgefühle? In der eiskalten, blendenden Februarsonne, die sich in den kahlen Bäumen und den feinen Straßenritzen verfängt? Vielleicht. Das Licht ist grell, erbarmungslos, befreiend. Ich bin wieder da. In Berlin.

Von September 2017 bis Februar 2018 hatte ich das Glück, im Rahmen des Brigitte-Sauzay-Programms in Südfrankreich wohnen zu dürfen. Vor rund einem Jahr bin ich bei Internetrecherchen nach Austauschmöglichkeiten mit Montreal auf das Deutsch-Französische-Jugendwerk und das auf Gegenseitigkeit beruhende Brigitte-Sauzay-Programm gestoßen. Von dem Prinzip, dass die Organisation einem das Reisegeld zur Verfügung stellt und umfassend unterstützt, hellauf begeistert, fand ich bald die Anzeige von Juliette aus Cabasse, einem kleinen Dorf irgendwo zwischen Marseille und Nizza, und nach erstem E-Mailkontakt stellten wir fest, dass sich viele unserer Interessen überschnitten.

Vor allem interessierten mich die französische Lebensweise, das Kennenlernen einer anderen Denkart und das Eintauchen in den Alltag eines anderen Landes, doch auch die Möglichkeit, meine Französischkenntnisse zu verbessern, reizte mich sehr. Es ist eine wunderschöne, doch auch eine herausfordernde Erfahrung, mit seiner Gastschwester den Alltag zu teilen, sowohl unvergessliche Momente mit Freunden beim abendlichen Gesellschaftsspiel oder auf ausgiebigen Wanderungen zu erleben, als auch die täglichen Probleme und Banalitäten wie Hausaufgabenberge zu bewältigen und Teil einer anderen Familie zu werden. Natürlich war es auch eine unvergessliche Erfahrung, die Zubereitung einer echten Quiche zu lernen und in die kulinarischen Familiengeheimnisse eingeweiht zu werden.

Nach langem Kofferpacken, der Verabschiedung von Familie und Freunden und zahlreichen Stunden, in denen ich besorgt meinen Kopf in Französischvokabelheften vergrub und die Liedtexte von Jacques Brel auswendig lernte, torkelte ich nach drei Stunden Schlaf aus dem Bett, noch lange bevor der Morgen graute. Im Zug lehnte ich meine Stirn an die kühlende Fensterscheibe und sah zu, wie die Lichter der langsam erwachenden Stadt an mir vorbeirauschten. Bald wurden sie von sanften Hügelketten im Morgenlicht abgelöst und kurz vor Paris fielen mir die Augen zu. Zu meinem großen Glück half mir die Großmutter meiner Gastschwester beim Umsteigen, sonst hätte ich den Zug nach Aix-en-Provence wohl nie gefunden. Am späten Abend wankte ich aus dem Abteil, mit kribbelnden Beinen, in jeder Hand einen schweren Reisekoffer, und sog die frische Nachtluft tief in mich ein. Schon liefen Juliette und ihre jüngere Schwester Amandine auf mich zu, nach der obligatorischen Begrüßung mit zwei Küsschen halfen sie mir freundlicherweise sogleich beim Tragen des Gepäcks. Auf der folgenden einstündigen Autofahrt erzählten wir uns von unseren Interessen und Freizeitaktivitäten, dem Alltag am Lycée und den wunderschönen Sehenswürdigkeiten, welche am Wegrand lagen, doch aufgrund der späten Stunde im Dunkeln verborgen blieben. In meinem neuen Zuhause angekommen, wurde eine duftende Zucchini-Ziegenkäse-Tarte mit selbst geerntetem Salat serviert, einfach köstlich! Nach einer schnellen Dusche fiel ich auch schon todmüde in die weichen Federkissen, voller Vorfreude auf das beginnende Abenteuer.

Meine Gastfamilie bestand aus Juliette, ihren Geschwistern Valentin und Amandine, meinen Gasteltern Corinne und Bernard, einer halbwilden Katze und der treuen Schäferhündin Taiga. Unser Haus lag etwas abseits des Dorfes, so bot sich die Möglichkeit zu wunderschönen Wanderungen in die naheliegenden Korkeichenwälder und an den Weingärten entlang. Mit meiner Gastschwester teilte ich mir ein Zimmer, sie war sehr rücksichtsvoll und es bereitete Freude zusammen zu wohnen, zumal wir uns auf diese Weise gegenseitig bei den Hausaufgaben helfen konnten.

Anfangs war der lange Stundenplan am Lycée wirklich eine Herausforderung, doch mit der Zeit gewöhnte ich mich daran und schließlich wollte ich die Internetplattform Atrium und das CDI gar nicht mehr missen. Meine Mitschüler waren sehr offen und hilfsbereit, schnell hatte ich neue Freunde gefunden. Mit ihnen verbrachte ich meine Pausen, sie halfen mir dabei, mich in den riesigen Gebäuden zurechtzufinden, lachten über meine Fauxpas und standen mir immer zur Seite.

Von ihnen wurde mir auch der Mistral erklärt, ein kalter, oft sehr starker Fallwind aus nordwestlicher Richtung, der im unteren Rhonetal auftritt. Bonbons sind nach ihm benannt, er biegt die alten Kiefern, lässt eisige Polarluft einströmen und entzieht dem seit jeher trockenem Boden seine letzte Feuchtigkeit. Oft besungen und doch von den meisten beklagt, kann er zuweilen Tage anhalten. Meine Freunde hingegen liebten ihn; zwar ist die Luft in den Klassenzimmern frostig und draußen muss man drei Jacken übereinander ziehen, dafür bringt der Mistral einen wolkenlosen, kobaltblauen Himmel und sternenklare Nächte, wie man sie sich in Berlin nie erträumen könnte, mit sich. Es war wunderschön, spätabends vor die Hausschwelle zu treten und sich an dem Blick in die Vergangenheit zu ergötzen.

In meiner Freizeit spielte ich Klavier, las zahlreiche Bücher, ging oft mit meiner Gastfamilie in den umliegenden Hügeln wandern und half im Garten, sei es bei der Safranernte oder beim Unkrautjäten. Auch hatte ich das große Glück, an den Wochenenden die wunderschönen Städte in Südfrankreich besichtigen zu dürfen, in Museen zu schlendern und im Mittelmeer zu schwimmen. In den Herbstferien fuhren wir nach Paris und verbrachten dort eine zauberhafte Zeit. 

In der Vorweihnachtszeit erkannte meine Gastschwester nach langem Nachdenken, dass sie sich der Herausforderung, drei Monate fern von Familie und gewohntem Umfeld in einem fremden Land zu leben, noch nicht gewachsen fühlte. Juliette ist eine wunderbare Freundin, eine einfühlsame und verständnisvolle Zuhörerin, sie hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und eine lebhafte Fantasie. Aufgrund ihrer Hochsensibilität fällt es ihr jedoch schwerer, mit belastenden Situationen und Stress umzugehen. Der Beschluss fiel niemandem leicht, doch schließlich kristallisierte sich heraus, dass es die sinnvollste Lösung wäre, den Austausch an dieser Stelle zu beenden. Glücklicherweise war Romane, eine Freundin aus dem Lycée, bereit, als neue Gastschwester einzuspringen. Ich bin immer noch unglaublich froh, dass ihre Familie mich zugleich aufnahm und einen Umzug in nur sieben Tagen ermöglichte. Vielen, vielen herzlichen Dank! Auch dem Brigitte-Sauzay-Programm möchte ich an dieser Stelle meinen Dank dafür aussprechen, dass sie den Wechsel so schnell und unkompliziert ermöglicht haben.

Es ist nicht zu bestreiten, dass sich die französische und die deutsche Kultur in zahlreichen Aspekten unterscheiden, doch fällt es schwer, diese Subtilitäten in Worte zu fassen. Die Art zu denken weist, zumindest historisch betrachtet, viele Differenzen auf. Klassischerweise gründet die französische nach René Descartes auf einer unbezwingbaren Logik, wobei keine Hypothesen entwickelt werden, sondern strenge Kausalketten überwiegen. Die Geschichte hinterließ ihre Spuren, in Frankreich wird ein anderer Umgang mit Politik gepflegt, der Staat ist sehr zentralistisch organisiert und dem Präsidenten kommt eine äußerst wichtige Rolle zu – die Exekutive ist in Frankreich traditionell sehr stark.

Natürlich existieren kulinarische Unterschiede, Uneinigkeiten in der Farbwahrnehmung (was hier schon als Blau gilt, wird oft als „vert canard“, Entengrün, bezeichnet), auch bei den Begrüßungsformeln, dem Schlafrhythmus, den Erwartungen an Politik und Gesellschaft und in den Familienstrukturen (in Frankreich habe ich erlebt, dass den älteren Generationen gegenüber mehr Respekt gezeigt wird) gibt es Abweichungen.

Bei diesem Austausch habe ich unglaublich viel gelernt, nicht nur, wie man in dieser wunderschönen, geschmeidigen, sehr subtilen Sprache kommuniziert, sondern auch auf einer persönlichen Ebene: Offen und vertrauensvoll auf Andere zuzugehen, mal schnell in einer Woche eine neue Gastfamilie organisieren, wenn man den Zug nach Hause verpasst hat (wir standen im Stau und haben dem Navigationsgerät vertraut), nicht zu verzweifeln, sondern nach einer anderen Lösung zu suchen, eine Balance zwischen akademischem Anspruch und Sozialleben zu finden, “ à la coinche“ (ein sehr amüsantes Kartenspiel) zu spielen, und, wie konnte mir dieser Aspekt nur entfallen, eine perfekte Quiche zu backen.

Es war eine unvergessliche, sehr bewegte Zeit, und ich bin dankbar, dass ich all diese Erfahrungen sammeln durfte. Ich habe gemerkt, wie wichtig es ist, seine Bedürfnisse klar zu kommunizieren und auch anfallende Probleme geradeheraus anzusprechen, um gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

Die Zusammenarbeit der Schulen verlief reibungslos und auch die Unterstützung der verantwortlichen Lehrer hat in kniffligen Situationen sehr weitergeholfen. Es wäre toll, wenn die Möglichkeit bestünde, diesem Programm mehr Bekanntheit zu verschaffen, damit mehr Jugendliche in beiden Ländern von dieser bereichernden und formenden Erfahrung profitieren können. 

Ein wenig vermisse ich schon das goldene Licht der Provence, das die Konturen so weich zeichnet und auf den nahen Bergen zu kauern scheint, sie einrahmt und mit dem Himmel verschmelzen lässt. Doch erst einmal freue ich mich sehr auf meine Gastschwester Romane, die ab Mai (wenn auch hier die Sonne erst am späten Abend untergeht) in Berlin wohnen wird. Es ist schön zu erfahren, welch innige Freundschaft aus einem Austausch erwachsen kann.

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