Realität ist nicht statisch, Realität wird erschaffen; von dir und von mir und von uns und von allen! (shaban und Käptn Peng – werbistich).

Keine reine Eigenkreation, eine Schöpfung anderer bin ich, und dennoch an der Konstruktion meines realen Ichs beteiligt. Optimierungsgedanken und der Wille, auf einer Bühne guten Eindruck zu erwecken, lassen mich eine neue Realität meines Ichs bilden. Die Bühne ist das Internet, und um auf ihr Gefallen zu finden, muss ich schauspielerische Bestleistungen geben, ich bin Regisseur und Schauspieler in meinem eigenen Einpersonenstück. Ein Fabien muss ich sein, allen Reglementen Folge leisten und den Flugplan um jeden Preis einhalten. Gefallen finden, an dem, was man mir abverlangt. 

Ein verwackeltes Urlaubsfoto? Kinderfotos mit von Oma geschnittenen Haaren und der nahezu akzidentellen Zusammenstellung meiner Kleidung durch meine Eltern? Nichts für ein Instagram-Profil, das beim Betrachter Verwunderung auslösen soll, mich wortwörtlich in gutes Licht rücken und durch Faszination meines präsentierten Ichs eine wahrhaftige Vollkommenheit und unglaublich Brillanz ausdrücken soll. Nicht überzogen, eher eine nüchterne Tatsache, gravierendes Attribut einer ganzen Generation. Wenn ich Fotos von mir machen lasse, fühlt sich mein unter Erheiterung spottender kleiner Bruder meist dazu angeregt, sich an meinem Ausdruck zu belustigen. Und warum er nicht versteht, wie ich mich inszeniere, wie ich aussehen möchte auf einem Foto? Gelassener, abgewandter Blick, in die Ferne schweifend; ich, mit unantastbarer Attitude. Tja, wohlmöglich ist ihm die Bühnenwelt noch fern, aber Fassung bewahren, auch für ihn naht eine andere Zeit, in der Inszenierung in seinen alltäglichen Trott einklingen und diesen bestimmen wird, Realität ist nicht stillstehend, sie ist zugig. Und sie zieht dahin mit der Zeit, auch für ihn. 

Der Ort, die große Bühne, auf der in unserer Modernen Welt alle Wege zusammenlaufen, wo ich und du und wir und alle uns treffen. Ein Raum des Gestaltens, in dem räumliche Ferne und intime Nähe so einig sind, wie vielleicht nicht einmal Fabien, die Wolkendecke durchbrechend, und das Licht der Sterne genießend, und sein Flugzeug, das ihn durch den Himmel trägt. 

Wo ich Gefallen finden will, und diesen finde ich, wenn ich mich forme, so wie es gewünscht ist, und dies tue ich, um des Triumpfes Willen, kann auch ein Himmel sein . Ein Reich, in dem ich im Schimmer stehen kann, sofern ich es betreten darf. Kriterium für den Zutritt ist die Selbstinszenierung in einem scheinbaren und dennoch so aussagekräftigen Raum. Ein Raum, der so unbefüllt ist, täglich aufs Neue angereichert wird, und dennoch kahl bleibt. Leer, weil er Verbindungen öffnet, die einen Schein tragen und niemals diesen Raum verlassen werden, um in der Realität einen Platz einzunehmen. Oft sind meine Kurzchats mit fernen Vertrauten so intim, dass ich selbst nicht fassen kann, wieviel ich über mich preisgebe. Doch die Leere macht es möglich, kein Echo, das zurückhallt, ich spreche in ein Nichts, und wo nichts hört, da kann auch nichts in falsches Ohr gelangen. 

Der Wille nach Anerkennung scheint mich zu packen, macht mich zu einem anderen, und lässt mich allem nachjagen, was man mir vor die Nase hält, alles sagen, was erfragt wird. So wie die Maus dem Käse nachstellt, so ich der Wertschätzung. Der Mensch ist eben ein Tier, wenn es darum geht, seiner Reverenz nachzueifern. 

Doch was findet Gefallen, was soll ich vorspielen? Welche Wirklichkeit soll ich heute kreieren, für dich und für uns alle, und nicht zu vergessen, für mich? Die Ich- Inszenierung, mein eigenes Theaterstück, findet überall Anwendung, jedoch variiert das Publikum. Während auf Instagram das Bild selbst zählt, die Gestaltung meiner Erscheinung, das Licht, die Ausstrahlung, so zählt auf Snapchat, einer Plattform, auf der Kurznachrichten in Kombination mit einem Foto oder Video versendet werden, das Handeln. Bild und Video, Instrumente zum Festhalten von Momenten für die Ewigkeit, jedoch nicht auf Snapchat. Die Aufrufbarkeitsdauer ist reduziert. Nach nicht einmal einer Minute ist alles vorüber, die Botschaft ist nie wieder verfügbar, verschluckt vom leeren Raum.

Meine Rolle als Schauspieler bleibt auch auf dieser Plattform erhalten, jedoch muss ich hier mit waghalsigem oder ulkigem Verdienst ins Auge meiner unzählbaren Freunde fallen. Eine kurze Sequenz, in der ich zusehen bin, umgeben von einer Meute Mitschüler, die, ähnlich wie mein Bruder, vergnügte Blicke in Richtung Kamera werfen. Dann die große Darbietung, ich, wie ich eine Feuerwerksrakete direkt aus dem geöffneten Klassenzimmerfenster starten lasse. Erstaunte Blicke, dann der abrubte Abbruch des Videos, Ende der Vorstellung. Ein Ereignis, über das man noch ganze zwei Tage später spricht, bevor es in Vergessenheit gerät. Der schweflige Geruch im Klassenzimmer setzt meiner Attraktion zeitweise ein Denkmal. 

Schnell vergessen- Ein Snapchat- Renner ist es. Und wieder geht die Rechnung auf. Mediale Aufmerksamkeit durch das Unsinntreiben, so einfach ist ́s, man muss es nur gekonnt haben. 

Jetzt, wo ich weiß, wer ich bin, was ich erschaffe, und auf welchen Bühnen ich spiele, stellt sich noch die Frage: Wer sind wir alle? Was haben wir gemeinsam? Der hohle Raum, der uns verknüpft, füllt und flutet uns geradezu. Wir sind jung, wir sind gleich, und wir suchen nach nichts Geringerem als nach uns selbst. Die Definition ist schwerfällig, gar unmöglich, doch ohne Bestimmung wollen wir nicht laufen. Wir probieren uns aus und wollen gleichzeitig bereits wer sein. Das ist es, was uns inszenieren lässt, mit geöffnetem Ohr handeln. Schließlich ist uns nichts lieber, als zu allen dazuzugehören, so sind wir. Aber wir sind nicht statisch, wir verändern uns, wir, genau wie du. 

Realität ist nicht Identität, jedoch geht es in dem Lied „werbistich“ um die „Ichologie“, Realität wird in diesem Kontext als Identitätsbegriff verwendet.

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