Geschichten haben schon immer großen Einfluss auf mich gehabt. Als Kind wurde mir viel vorgelesen und nicht selten habe ich den Vorleser korrigiert, da ich fast jedes Buch verinnerlicht hatte. Später, als ich selbst lesen konnte, verschlimmerte sich meine Sucht noch. Der feuchte Geruch des Waldes, durch den Ronja Räubertochter mit ihrem Gefährten strich, wurde ebenso zu einem Teil von mir wie die Ritter und Könige und Vagabunden und Schlösser und Wälder und Drachen, Sehnsüchte und Irrungen und Glücksfälle und Ungerechtigkeiten, mit denen sich „Der kleine Ritter Trenk“ herumschlagen musste.

Am meisten faszinierten mich jedoch stets die Charaktere. Eines hatten sie alle gemeinsam: Sie waren in sich schlüssig, ihre Handlungen, Gedanken und Gefühle ergaben innerhalb ihrer Welt einen Sinn und ihre Unsicherheiten und Sorgen wurden am Ende elegant zusammengeführt und aufgelöst. Sie waren stark wie ein Bär und mutig wie ein Löwe oder besaßen die Weisheit einer Eule, sie waren freundlich und sanft wie eine frühsommerliche Brise oder hinterhältig wie eine bösartige Schlange.

Meine Hypothese lautet, dass meine Eltern entweder keine Notiz davon nahmen oder es sie nicht verwunderte, dass ich versuchte meinen Charakter dem einer geliebten Figur anzugleichen. Weil es ihnen auch so ging? Über die Jahre entwickelten sich diese Imitationen von selbstgebastelten Kostümen bis hin zu der Übernahme bestimmter Redewendungen. Sicher ist, dass ich mich ständig umentschied, wer ich sein wollte. Irgendwann wurde mir klar, dass es hoffnungslos war. Ich konnte nicht zu einem dieser Charaktere werden. Aber warum nicht? Ich war mir keines eigenen Charakters bewusst, welcher mit den angenommenen Persönlichkeiten kollidiert hätte. Die Gewissheit kam aus den Schatten der Erkenntnis gekrochen, welche in den Ecken meines Bewusstseins zu jener Zeit waberten, sie wand sich um meine Knöchel und Beine, bis sie schließlich meinen ganzen Körper einhüllte. Es lag daran, dass ich nicht in einer dieser anderen Welten lebte, aus denen meine Vorbilder stammten. Die Aufregung darüber machte mich einige Wochen lang zittrig. Doch dann riss ich mich zusammen. Ich würde mir einen eigenen Charakter erschaffen, der in dieser, meiner Welt Sinn ergeben würde. Komme, was da wolle!

Das Gefühl, sich irrational zu verhalten, ist wirklich nicht sehr angenehm. Wenn wir wissen, dass wir etwas fühlen, obwohl wir Wissen besitzen, welches dem widerspricht , kann das sehr am Selbstbewusstsein nagen. Die Tragik dieses Zustands besteht darin, dass wir uns etwas wünschen und gleichzeitig hoffen, dass dieser Wunsch vorbeigehen möge. Es ist, als wären wir unglücklich verliebt. So begehrenswert und unerreichbar, so fern scheint das Glück des stabilen Ichs. Alles in dieser Welt schreit uns an, jemand zu sein. Jemand zu werden ist nur ein Zwischenzustand. Etwas, das schließlich ein ehrwürdiges Ende findet, um dem, für das wir so mühsam gearbeitet haben, Platz zu machen. Endlich werden wir unseren eigenen Charakter haben. Wir werden unseren Platz finden in dieser Welt, die so viel verwirrender und unlogischer ist als jede Fiktion. Es sind nicht nur Geschichten, die uns den Wunsch nach einem Fertigsein einpflanzen. Manchmal sind es auch Menschen. Je näher sie uns sind, desto begehrenswerter scheint uns ihr Schicksal. Denn wer weiß, was er ist und was er will, kann für sein eigenes Glück sorgen.

Am Ende ist es nur das, was du willst: Glück. Geschichten des wahren Lebens bis hin zu Folgen von MyLittlePony handeln davon, dass du es erreichst, indem du du selbst bist und zu diesem Selbst stehst. Du wirst dies sicher befürworten, aber woher wirst du wissen, wer du bist, welches Wesen du der Welt und dir selbst zeigen sollst? Die Wahrheit ist, dass du es nicht wissen kannst. Denn wie kann man etwas finden, wenn man nicht weiß, wonach man sucht? Was man findet, ist am Ende vor allem die Suche selbst, nur ihrer kann man sich sicher sein.

Wir sind werdende Wesen.

Erst wenn sich Gefühle diesem Wissen anpassen, kann ich sein, wer ich bin; eine furchtbar undefinierte Person. Sogar während ich dies schreibe, nagt mein Mangel an Definiertheit an mir. Was ist mein eigener Ton? Es scheint einfach, die Sprache Anderer zu imitieren, je extremer, desto leichter, aber wenn es darum geht, herauszufinden, wie ich selber schreiben soll oder schreiben will oder schreiben wollen soll, fällt mir gar nichts ein. Und jetzt bin ich schon eine Andere als zu Beginn des Absatzes. Ich werde nicht immer wissen, was ich will, denn ich bin Ritter und bin Räubertochter und bin es natürlich doch nicht und bin doch so viel mehr und so viel weniger und doch ganz etwas anderes. Und ja, manchmal werde ich mir wünschen, dass alles einen Grund hat und dass sich meine Probleme am Ende der Folge elegant auflösen lassen. Aber ich bin selten elegant, denn ich bin kein Charakter

sondern vor allem ich. (in diesem Moment)

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