Neulich wurde ich überraschenderweise von einigen Mädchen als Einhorn bezeichnet. Ihre Intention haben sie damit auch voll erfüllt: Sie haben mir eine große Freude mit dieser überaus süßen Aktion bereitet. Nach der großen Glücksflutung mit viel Gelächter und Lachtränen kam mir auf dem Heimweg ein etwas trauriger Gedanke: Niemand hat mir zuvor ein vergleichbares Kompliment gemacht.

Zugegeben, ich bin sehr anfällig für die weiten Kontinente des »Pink Planet«: Glitzerstaub, Magie, Prinzessinnen, Fabelwesen, rosa Zuckerwattewolken und natürlich Einhörner. Diesen Teil meiner Persönlichkeit nach außen hin wohl verbergend, stehe ich dieser trostlosen, grauen Winterbetonlandschaft Berlins gegenüber. Mein infantiler Teil sieht dennoch durch die Fassaden der Personen, welche von der dunklen Realität und dem immer gleichen Alltag zermürbt werden. Hinter den heruntergezogenen Mundwinkeln, mit der verhärteten Mimik und den dicken Tränensäcken, welche die Tore der Seele verdecken, sehe ich die richtige Persönlichkeit: Glitzerfeen, Runi, Magier, Pegasi – Menschen eben. Jedes Mal, wenn sich dieser innere Charakter durch die zufallende Fensterläden von Augenlidern und den erfrorenen Gesichtsmuskeln an die Oberfläche kämpft und dem Körper wieder Leben verleiht, wird meine Welt ein klein wenig bunter, sommerlicher und wärmer.

Jedes Stück Lebensfreude ist für mich überlebenswichtig; besonders in den kalten Wintertagen, wenn man mehr auf Computerbildschirme starrt, als die Sonne scheint. Ist jedoch dieses rare Gut schwach konzentriert und das letzte Tröpfchen der angesparten Sonnenenergie vom Sommer aufgebraucht, ruft mein Selbst einen inneren Notstand aus und verschanzt sich in der eigenen Burg. Zugbrücke hoch, Fantasie an und man obliegt dem Irrglauben, man könnte auch alleine glücklich werden. Schließlich ist in dieser Burg alles, das man liebt und schätzt. Hier liegen auch jene Geschichten, welche man sich schon immer aufschreiben wollte, die aber wahrscheinlich nie das Licht der Welt erblicken werden, seine Lieblingserinnerungen und geschmiedete Pläne für mögliche Zukunftsmöglichkeiten. Es herrscht wahrscheinlich viel Unterhaltungspotenzial im Kopf, doch wenn man über diese Situation etwas tiefsinniger sinniert, steht man alsbald vor der erschütternden Erkenntnis, dass die Vorzüge der Selbstgesprächigkeit zwar einen von innen wärmen, jedoch gleichzeitig die äußere Hülle erkaltet; die innere Sonne bleibt ausgesperrt und man gleicht sich an den uniformen Alltagsausdruck der Miesmäuligkeit an.

Die individuelle Entfaltung und die Diversität unserer Gesellschaft sind zwei große Bestandteile der Demokratie, die ich sehr zu schätzen weiß. Jeder sollte sich bewusst sein, dass die persönliche Selbstverwirklichung nicht für immer im Inneren schlummern kann und äußere Hüllen, die sich störend auf diese auswirkt, abgestoßen oder verändert werden sollten. Der Rest der Welt hat beinahe schon verstanden, dass keine »Normalität« im Sinne von einer einheitlichen Denkweise existiert. Gefährlich sind dennoch unsere vielfältigen Scheren, die uns manche Gedanken zerstückeln und verstümmeln, bis nur noch klägliche Silben des geistigen Echos übrigbleiben und uns den Mut nehmen, uns gegen (vermeintlich) mehrheitliche Meinungen aufzulehnen. Ein Rückzug in seine intellektuelle Filterblase bestärkt einen zwar in seinem Weltverständnis, doch die Realität ändert sich dadurch nicht. Die Welt erscheint zwar groß, doch wir alle sind ein Teil von ihr und wir haben das Recht und die Verantwortung, sie möglichst lebenswert zu gestalten.

In dieser postfaktischen Postmoderne, in der der Mensch des öfteren auf wenige Daten reduziert wird und sein eigentlicher Charakter immer weniger betrachtet wird, fehlt uns das zwischenmenschliche Staunen. Staunen ist eine wunderbare Tätigkeit, bei der man vielleicht nicht die räumliche und zeitliche Winzigkeit unserer Welt in diesem Universum begreifen kann, allerdings die Schönheit unseres Lebens fühlen kann. Uns wurde eine freie, offene und gerechte Gesellschaft zugesichert. Bloß reicht die bloße Schriftform nicht aus und jeder hat die Aufgabe, diese Werte hochzuhalten und damit zu sichern. Ich sehe viele Veränderungen, die genau in die falsche Richtung tendieren: starke Polarisation, destruktiver Konkurs, ermüdende Kontroverse, zunehmendes Desinteresse an wichtigen Themen.

Unsere Erde mag vielleicht nicht von magischen Völkern bewohnt sein, doch sie ist selbst tief in ihrem Inneren magisch aufgeladen. Zeit wieder mit offenen Augen die Welt in ihren Facetten wahrzunehmen und ein Lächeln aus dem tiefsten Herzen dem Gegenüber zu schenken.

Dieser Artikel hat 2 Kommentare

  1. Die Mädchen haben sich sehr über diesen Artikel gefreut! Machs gut, Einhorn. 🙂

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