Was ist Freiheit?

Eine einfach gestellte Frage. Die einem aber den Kopf zerbrechen lässt. Eine Frage, die einen zum Verzweifeln bringt. Und doch ist sie – wie die meisten einfachen Fragen – unglaublich wichtig für die eigene Existenz, die eigene Identität, die eigene Erkenntnis. Doch die unzähligen Facetten des Begriffs Freiheit lassen einen Definitionsversuch knallhart scheitern. Das hat auch schon der frühere US-Präsident Abraham Lincoln, der 1863 in seinem Land die Sklaverei abschaffte, feststellen müssen: „Die Welt hat nie eine gute Definition für das Wort Freiheit gefunden“.

Dass sogar Lincoln hier ratlos war, lässt ihn sehr menschlich erscheinen, auch wenn eine Antwort auf die anfangs gestellte Erkundigung „Was ist Freiheit?“ damit in weite Ferne rückt. Aber offenkundig gibt es darauf keine exakte Antwort und ich muss anders fragen, um sie zumindest ansatzweise beantworten zu können.

Was bedeutet Freiheit also für mich?

Ich glaube, mir ist nicht unbedingt der Zustand der Freiheit wichtig. Ich habe aber auch gut reden!

Ich wurde nicht in einem armen Land geboren, ich werde nicht unterdrückt, ich habe ein Dach über dem Kopf und bekomme ordentlich Taschengeld, wenn auch manchmal etwas verspätet.

Vergangenes Wochenende telefonierte ich mit einem Freund, der vor kurzem für ein Jahr nach Südafrika gegangen ist. Er durchlebt mit seiner Gastfamilie eine bereits anderthalbmonatige Dürrephase, davor hat ein Gewitter vielen Häusern die Wellblechdächer abgerissen. Die Bewohner der Siedlung sind aber nicht mehr verängstigt. Trotz Hunger, Durst und eingestürzter Dächer sind sie glücklich. Viele von ihnen hätten ihr Glück in der Stadt versuchen können, sind aber geblieben. Einwohner erzählen ihm, dass sie glücklich sind und sich frei und unabhängig fühlen, obwohl ihnen so viel Leid widerfährt. Auch dieses Gefühl und diese Einstellung könnte also Freiheit bedeuten, und auch so stelle ich sie mir vor. Durchaus frei, die Freiheit. Aber auch ziemlich anstrengend. Das ist es, was ich mit der Freiheit als Zustand meine.

Die Freiheit als Begriff ist zwar allgemein bekannt, allerdings auch so individuell, wie sie nur sein kann. Was bedeutet denn die Freiheit für mich? Wann fühle ich mich nicht frei?

Mein erster Gedanke über die Freiheit verbindet sich mit der Abwesenheit von Zwang und Last. Der zweite ist das Gefühl von Freiheit und eine damit verbundene Sehnsucht nach ihr. Jeder Mensch sehnt sich nach Freiheit und will sie fühlen. Das Gefühl von Freiheit, also der Moment, in dem sie gefühlt wird, hat nur leider ein unerfreuliches Merkmal: Es ist vergänglich. Die Sehnsucht der Menschheit, frei zu sein oder doch zumindest sich frei zu fühlen, vermittelt, dass der Einzelne eben nicht frei von Zwang und Last ist. Doch um welchen Zwang geht es eigentlich? Wozu werden wir gezwungen, welche Last wird uns auferlegt? So schwer die Definition der Freiheit auch ist, der Grund, weshalb unser Freiheitswunsch so strebsam und doch ziellos ist, sind wir.

Bei unserer Sehnsucht geht es oftmals nicht um den Zustand, frei zu sein, sondern vor allem das Gefühl. Leider bedeutet, sich frei zu fühlen, nicht, frei zu sein. Genau so wenig bedeutet frei zu sein, sich frei zu fühlen. Auch wenn beides unmittelbar miteinander zusammenhängt, ist es unterschiedlich.

Obwohl die Sehnsucht nach Freiheit nicht unbedingt den Zustand meint, spielt dieser natürlich eine fundamentale Rolle. Denn was nützt uns die Freiheit des Denkens, wenn wir auf sie keine Taten folgen lassen können? Ein Mensch muss sich frei bewegen können, um seine Freiheit auszuleben. Abgesehen davon geht es aber doch bei der Freiheit um so viel mehr, wie mein Freund mir auch zeigte.

Viele Menschen, beileibe nicht alle und wahrscheinlich nicht einmal die Mehrheit, sind freier als unfrei,sie sind dieser Utopie näher als dem Gegenteil.Warum fühlen wir uns aber nicht frei?

Wir sind der Grund. Unsere Selbstzweifel, unser Anspruch an das Leben, die Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität

Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

Die Parabel Kafkas, auch als „Kleine Fabel“ bezeichnet, beschreibt den Konflikt, in dem die Freiheit mit dem Menschen steht; auch die Fabel steckt voller Widersprüche. Die Maus bemängelt einerseits, wie „breit“ die Welt doch sei, andererseits beklagt sie die jetzige Enge ihrer Welt. Sie erzählt von ihrem Leben: Der eine wie der andere Weg liegt vor ihr. Getrieben von Orientierungslosigkeit, sucht sie sich einen Weg, der ihr vorgegeben ist. Nun verzweifelt sie an der Enge und auch der Vergänglichkeit des Lebens. Die Maus beklagt aber nicht ihre Entscheidung, da sie weiß, dass auch andere Wege sie falsch geführt hätten. Sie ist gefangen, kann weder vor noch zurück. Die Katze – der Gegenspieler der Maus – handelt ebenfalls widersprüchlich: Die Gegenspielerin löst ihr Problem und frisst sie anschließend auf.

Die Machtlosigkeit der Maus ist bezeichnend. Wir sehnen uns nach Freiheit, fürchten uns aber gleichzeitig vor ihr. Auch wir haben Angst zu entscheiden. Kafkas Parabel handelt von der Entscheidungsfreiheit und dem Zwang dazu. Darum sind wir die Verursacher unseres Dilemmas, wer sollte sonst entscheiden? Die Last ist die Kontrolle über uns selbst, der Zwang ist, handeln zu müssen. Beides überfordert uns: Die Last der Kontrolle, der Zwang zum Handeln. Der Mensch will seinen Weg gehen, er will nicht getrieben werden. Und doch jagt er sich selbst den Gang entlang.

Nun das Freiheitsgefühl und die damit verbundene Sehnsucht. Was kennzeichnet sie und verbindet sie so sehr mit der Freiheit?

Sehnsucht ist immer da, sie treibt an und ist gefüllt vom Verlangen nach ihrer Erfüllung. Freiheit fühlen basiert auf dem Moment, der verfliegt – unser Sehnen nach der Wiederholung dieses Moments ist nicht zu stillen. Wir wollen uns frei fühlen, unabhängig von Kontrolle und Zwang. Unsere Freiheit soll von nichts und niemandem bedingt sein.Auch das ist widersprüchlich, denn wie kann die Freiheit unbedingt sein? Wessen Freiheit ist es denn bitte? Unsere, meine, deine. Was für dich Zwang ist, kann für mich Freiheit sein. Und umgekehrt. Die Freiheit muss mindestens von einer Person abhängig sein: Von der, die sie begehrt. Wir sind logischerweise von uns abhängig, wir werden erdrückt durch die eigens auferlegte Last; daher stammt die Sehnsucht, sie abzuschütteln. Auch Kafkas Maus beschreibt diesen Widerspruch, sehnt sie sich nicht nach Breite und Enge gleichzeitig? Das Gefühl stelle ich mir folgendermaßen vor:

Für eine Sekunde bin ich so frei wie nie zuvor in meinem Leben, nichts liegt mehr in meiner Hand, nichts kann von mir kontrolliert werden (…)“ („Vom Ende der Einsamkeit“, Benedict Wells)

Dieser Gefühlszustand des Protagonisten handelt von grenzenloser Überforderung. Er reißt die Hände von einem Motorradlenker, der ohnehin führerlos ist. Die Situation ist zwar nicht eine, nach der wir uns sehnen, beschreibt aber, weshalb die Freiheit so erwünscht ist. Die Angst vor Entscheidungen und Kontrolle entlädt sich. Es geht darum, sich selbst zu entfliehen, so gelangen wir wieder bei der unbedingten Freiheit an.

Es offenbart sich meiner Meinung nach eine weitere Kategorie. Die Freiheit ist nicht nur Zustand und Gefühl, sondern auch Emotion. Die Freiheit ist treibend, genauso wie es die Sehnsucht ist; sie entsteht aus der Emotion heraus. Es mag auf den ersten Blick keinen wesentlichen Unterschied geben, das Gefühl von Freiheit und die Emotion ist aber nicht dasselbe. Die Emotion ist das Energiegeladene in der Seele, also der Antrieb, während das Gefühl der seelische Ausdruck ist. Die Freiheit und das Verlangen nach ihr lodert tief ins uns, ist so auch Emotion. Darum ist unsere Sehnsucht so groß, so unersättlich, der Moment ist vergänglich, somit auch die völlige Unabhängigkeit: (…) nichts kann mehr von mir kontrolliert werden (…)“. Und das war auch der erste Gedanke, den ich über die Freiheit hatte. Frei sein von Last, Zwang, Kontrolle.

Das Gefühl, der Ausdruck, wird durchlebt, wenn die Freiheit erlebt und gefühlt wird. Darum sehnen wir uns danach, die Freiheit zu fühlen, wir wollen sie durchleben.

Ich kann es nicht wissen, aber vielleicht sind die Menschen in dem kleinen Dorf in Südafrika trotz aller Qualen in gewisser Weise glücklich. Denn mit Abwesenheit von Kontrolle, meine ich nicht, dass ich mir unter Freiheit lediglich ein Dasein ohne Verpflichtungen vorstelle. Der Unterschied der Mitmenschen meines Freundes und uns hier ist folgender: Sie wissen, dass sie gänzlich abhängig von der eigenen Person sind und alles davon abhängt, während wir dieser Abhängigkeit entfliehen wollen. Das ist eine Vermutung.

Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden“, hat Rosa Luxemburg in ihrem Werk „Die russische Revolution“ geschrieben, das 1922 posthum veröffentlicht wurde. Natürlich darf ihr Satz hier nicht fehlen. Nicht nur, weil es passt, sondern auch, weil es jedem das Recht gibt, ganz anders über die Freiheit zu denken als ich. Und mir, anders darüber zu denken als andere. Aber vielleicht treffen wir uns ja auch, irgendwo.

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