In diesem Artikel wird sich die kurze, aber schwierige Frage gestellt,  was Entfremdung ist? Sie soll nicht beantwortet werden. Es geht vielmehr um eine Anregung zum Denken über diesen recht nebulösen Begriff und das dahinterstehende Geflecht an Phänomenen.

„Man muss einfach man selbst sein.“

Nahezu jeder dürfte diesen Satz schon einmal zu Ohren bekommen haben, dessen Bedeutung allerdings weniger oberflächlich ist, als es zuerst erscheinen mag. Spricht man ihn aus, dann geht man von Folgendem aus: Die angesprochene Person hat etwas in/an sich, dass sie klar definiert, doch etwaige Umstände führen zur Abweichung von diesem Ursprünglichen. Diese Differenz von der individuellen Wesensprägung wäre ein entfremdeter Zustand in der gängigen Vorstellung des Begriffs.

Das ist jedoch nicht zwingend so. Ein menschliches Wesen kommt nicht als eine bestimmte Persönlichkeit auf die Welt, auch nicht als schicksalsgeleitete Skizze, die nur noch verfeinert werden muss. Die Grundrisse sind viel rudimentärer. Der Mensch muss also nicht er selbst werden, im Sinne eine Rückbesinnung auf „das Wahre“, sondern er muss im Verlauf seines Lebens, das geprägt ist von Eindrücken und Bildern, zu etwas werden, das er sein kann. Demnach stellt die erzwungene Rückbesinnung auf Eigenschaften oder Ansichten, von denen angenommen wird, sie würden einen wesentlich kennzeichnen, auch eine Form der Entfremdung dar, denn durch eine ständige Rückbesinnung auf nur Scheinbares hemmt man sich selbst in seiner individuellen Entwicklung. Man ist nie ganz mit sich selbst identisch, doch der Mensch braucht diese Unvollkommenheit, um dem Horizont seines Denkens und Wollens entgegenzustreben.

Es gilt also: 

„Manche Seele wird man nie entdecken, es sei denn, dass man sie zuerst erfindet.“

(F. Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“)

Dieser Zustand ist per se nicht schlecht. Er reizt uns, er fordert uns und gibt uns eine ständige Unruhe des Daseins, aus welcher unsere Suche nach dem Selbst folgt, aus der unsere Schaffenskraft entspringt. Doch ist er auch das entscheidende Moment unserer Irrungen und Wirrungen; der Wille sich selbst gänzlich zu entsprechen, obschon man sich diesem Ideal wohl nur annähern kann, verleitet zu Versuchen der übersteigerten, also erzwungenen Identifikation und demnach auch zu der Suche nach Denksystemen und Bezügen, die uns Klarheit anbieten. Das allzu eifrige Stürzen in Systeme, die uns alle Bezüge unseres unklaren Lebens aufzuklären scheinen, ist mit Vorsicht zu genießen. Die Gefahr von monokausalem Denken und der fälschlich angenommenen Überlegenheit der eigenen Idealvorstellung wird deutlich, wenn man den Blick auf zwischenmenschliche, soziale und politische Konflikte richtet. Der Mensch neigt dazu, den Faktor der Subjektivität, der Nicht-Allgemeingültigkeit seiner Wahrheiten, zu vergessen. 

Unsere Welt hat sich um eine digitale Dimension erweitert, welche augenscheinlich zum beliebtesten Rückzugsort des Individuums zu avancieren scheint und sich dabei dem Konsumenten perfekt anpasst, ihm seine behagliche, samtweiche „Blase“ zur Verfügung stellt. Dies ist der Differenziertheit des Menschen abträglich. Wir werden eingehüllt und hüllen uns selber ein, indem alles Unangenehme, Unpassende und einen selbst Widerlegende gefiltert wird, was unsere Unruhe und Unsicherheit narkotisiert. So wird der Zwang sich zu erfinden reduziert, was zu einem Willensverlust führt.  

Wir sind auf das Streben angewiesen, müssen uns trotz allem auf Dinge beziehen und eine Persönlichkeit entwickeln, dass der jeweils Andere das auch muss und dabei vermutlich andere Wege geht, sollten wir uns aber häufiger vergegenwärtigen.

Dies lässt sich mithilfe eines Bildes veranschaulichen: Sagen wir, es gäbe mich einerseits in Form meines Bewusstseins und Denkens und es gäbe mein Dasein in Form meines Lebens in der Welt – dazwischen sei ein Faden gespannt als eine Art Bezug oder Ahnung, jedoch nur diffus und nicht eindeutig. Dieser Faden, etwas das uns auszeichnet, ist das ganze Glück und die ganze Tragik des Bewusstseins, denn: Was will Bewusstsein?

Klarheit, genannt Wahrheit. Eine Wahrheit ist die Abwesenheit von Widersprüchen, also Einklang und Übereinstimmung. Nach diesem Zustand strebt man im bewussten wie unbewussten Denken, denn der unversehens in der Welt sich findende Mensch will sich so seiner selbst gewahr werden, die Unsicherheit, die existenzielle Unklarheit ablegen, daher trachten wir nach der Auflösung unseres Widerspruchs. Der Mensch ist ein „Warum?“ und er will von sich aus ein „Darum.“. Dieses „Darum.“ wird in der Übereinstimmung von suchendem Bewusstsein mit Dasein vermutet. Wir, mit unserem sich-erneuernden Willen, ziehen kraft des Denkens, kraft der resultierenden Handlung an diesem Faden. Wenn nun der Faden, der nicht geklärte Bezug, das Vermuten, dass da „etwas“ sein muss, zwischen den Dingen liegen muss, wenn dieser Faden uns wesentlich kennzeichnet, was wäre die Auflösung, die immer nur eine Annäherung, ein Weg sein kann? Alles Streben, das den Menschen an sich selbst nähern will, würde sich erübrigen, Willen und Ziele würden schwinden. Sein Streben ist aber der einzige Vorzug des Menschen. Wir haben den Faden, sein verbindendes und gleichwohl entfernendes Moment und damit auch eine gewisse Entfremdung existenziell nötig. Wirklich schwerwiegend ist also die negative Entfremdung des Denkens, die uns davon abbringt die positive Entfremdung unseres Wesens zu leugnen.

-Friedrich Schulze

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