Die Zeiten ändern sich. Dieser einfache Satz ist wohl jedem gut bekannt. Von Erzkonservativen gehasst, von ihren ideologischen Gegnern als Schlachtruf gebraucht, verbraucht. Dabei nutzen die Worte eigentlich viel mehr. Ihr Potenzial erschöpft sich nicht in politischen Debatten. Auch jahreszeitlich bedingte Fahrplanänderungen der Deutschen Bahn sind nicht gemeint. Ist es nicht vielmehr so, dass die Worte auf nahezu jeden Bereich unseres Alltages anzuwenden sind?
Die Gegenwart, das Hier und Jetzt, Dinge, die sich schwer fassen und  kaum beschreiben lassen . Sind sie zu abstrakt? Eigentlich nicht. Eine weit schwierigere Aufgabe aber ist es, den Zustand „Heute“ zu erläutern. So bunt, schrill und individuell ist er, dass er, von oben betrachtet, sicherlich wie ein farbenfroher Flickenteppich oder ein undurchschaubares Mosaik wirkt.

 Nun denn, könnte man sagen, das wäre ja schon ein Anfang. Jedoch sind da ja auch noch wir, die Menschen. Auf uns trifft das alles doppelt und dreifach zu, das hofft zumindest jeder. Daher macht sich meist Unverständnis und mitleidiges Kopfschütteln breit, sobald irgendwo auch nur der Begriff Uniformität fällt. Wir Jugendliche brauchen keine gemeinsame Geschichte, die uns verbindet, wozu denn? Wir wollen keine einförmige Masse sein, wir, wir, wir tönt es von überall, mal lautlos, mal wortgewaltig aus Mündern, die schon in der Grundschule Dinge von sich geben, die manch anderer nicht einmal zu denken gewagt hat.
Der junge B. sitzt vor seinem Computer, auf dem er seit einer Woche keine Email oder sonstige Nachricht gelesen hat. Seine sozialen Netzwerke protestieren, hungrig, sie wollen mit Informationen gefüttert werden und diese an den Mann bringen. In einer einzigen Woche vergaß er drei Geburtstage, weil er die Geburtstagserinnerungsfunktion nicht abgerufen hatte. Des Weiteren zwei Partys, die er in seinem echten, wirklich wahren und wunderbar einzigartigen Leben hätte besuchen können. Schweiß bricht auf seiner Stirn aus, denn er weiß genau, dass er nicht alle zweiundvierzig neuen Nachrichten lesen, geschweige denn beantworten, kann. Welchen seiner Freunde kann er ignorieren, welchem wir der Beachtung schenken müssen, das kann er nicht entscheiden. Nunmehr  glasige Augen starren auf das erstarrte Glas des Computerbildschirms.
In seinem Kopf kommen die schönen Gedanken an die letzte Woche auf, als er einmal ein wenig Zeit für sich hatte. Da war er nämlich nach draußen gegangen, einfach so, in das kleine Wäldchen nebenan, schön war das gewesen. Mit Genugtuung betrachtet er diese Szenerie. Wenn jetzt plötzlich Orwells‘ Gedankenpolizei käme und ihn mitnehmen wollte, er würde mit triumphierenden Lächeln vor sie treten, so glaubt er zumindest. Stattdessen kommen sie nun zurück, die Schuldgefühle. Ihnen folgt, wie immer schleichend und im Schatten verborgen, die Angst, welche sein übersprudelndes Selbstbewusstsein schnell in etwas anderes verwandelt. So sitzt er also da, verlassen, weil er seine sozialen Netzwerke vernachlässigt hat. Weil er eine Woche lang nicht internetsüchtig genug gewesen war für die Welt.
Während er daran denkt, dass er von nun an das Leben eines Ausgestoßenen führen müssen wird, beschließt er, seinen Namen zu ändern, in S. vielleicht. Möglich, dass er so noch eine zweite Chance bekommt. Wenn nicht, dass erkennt zumindest jeder gleich, wie nahe er dem Tod schon steht. Tragisch, das alles.
Irgendwann wurde die menschlich Hybris, im Mittelalter noch schlimmste aller Sünden, von einer anderen abgelöst. Den Wahn der Machbarkeit gibt es, angesichts von Atomkraft& Co. ist das kaum zu bestreiten. Während in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vor allem die sozialen Netzwerke der Realität für besonders wichtig erachtet wurden, tendiert die Sünde Nummer eins heute eher zur Vernachlässigung sozialer Netzwerke im Internet. Darum kann, um das Hier und Jetzt zu beschreiben, vielleicht diese Betrachtung des schlimmsten Etwas nützen. Nicht um jede Vielfalt erschöpfend zu erklären, sondern um zu zeigen, wie gefährdet eben jene persönliche Selbstbestimmung und -Entfaltung ist, wenn wir alle nur noch ans Netz glauben.
von Straße 103

Dieser Artikel hat 2 Kommentare

  1. @Unzufrieden:1. Also das mit den Begriffen kann ich ja noch verstehen, aber wo fängt für dich Neoliberalimus(gutes Fremdwort übrigends) an?
    2. Als Autor spricht man nicht für die gesamte Schule, sondern nur für sich selbst. Wie wäre es mit einer Gegendarstellung deinerseits? Bestimmt hat die Redaktion nichts dagegen. mfg

  2. Schwammige Begriffe und Worthülsen braucht kein Mensch. Lange Texte mit viel Fremdwort und wenig Aussage. Der neoliberale Unterton, der immer so galant mitschwingt, wird der Schule ebenfalls nicht gerecht. Schämt euch!

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