Süße Plätzchen und Lebkuchen werden in einer rustikalen, heimeligen Stube gebacken, während nebenan Mädchen und Jungen grauenvoll zwangssterilisiert werden. Was unvereinbar scheint, wurde traurigerweise in der Colonia Dignidad, einer Sekte im Norden Chiles, wahr.

Zweifelhaft sei die Existenz eines Haftlagers und Folterzentrums gewesen, so das Auswärtige Amt 1977. Weitere Dokumente der deutschen Botschaft in Santiago de Chile und des Amtes legen offen, wie sehr man sich gegen diese Vorwürfe gegen die Colonia Dignidad sträubte. Dabei war die Colonia Dignidad genau das- und noch mehr.

imageWas war die Colonia Dignidad?

Die zunächst 3.000 Hektar große Siedlung wurde 1961 durch den pädophilen Sektenführer Paul Schäfer gegründet. Dem Anschein nach war sie eine „deutsche Mustersiedlung”. 400 km südlich der Hauptstadt Chiles liegt die Siedlung und ist damit aber vor allem eines: Abgeschottet von der Außenwelt.
Schäfer, der nebenbei auch die „Private Social Mission” in Deutschland leitete, eine Art Rückendeckung in der Heimat, wollte, als er sich mit über 200 deutschen Sektenanhängern dorthin begab, aus Deutschland fliehen. Hier war er nach dem zweiten Weltkrieg Laienprediger und arbeitete als Jugendpfleger. Bereits damals verging er sich an kleinen Jungen, sodass die Staatsanwaltschaft Ermittlungen einleitete. Somit kam es zur größten Massenentführung in der Geschichte Deutschlands: Etwa 60 minderjährige Kinder waren verschleppt worden, den Eltern der Kinder wurde von einer „Chorfahrt” erzählt. Seitdem gab es kein zurück mehr.

Mit der Zeit wuchs die Siedlung unter der Schreckensherrschaft Schäfers, der von den Sektenmitgliedern als Pius der Fromme bezeichnet wurde, einem Titel, den er für sich selbst erwählt hatte. 15.000 Hektar fasste die Sekte schließlich nach einigen Jahren, da Bauern in der Umgebung ohne Besitzurkunden vertrieben wurden. Im Besitz der Sekte waren des Weiteren ein eigenes Krankenhaus unter Leitung Hartmut Hopps – der noch eine entscheidende Rolle spielen sollte – landwirtschaftliche Felder, Restaurants, ein Steinbruch und noch vieles weitere. Dies ermöglichte die Versorgung der Enklave, ohne etwas von außerhalb einliefern lassen zu müssen. Im Gegenteil wurden zur Finanzierung sogar typisch deutsche Güter wie Leberwurst, Lebkuchen und Plätzchen „exportiert”.

Gehorsam durch gewaltsame Bestrafung

Diese Autarkie machte sich Schäfer zunutze und ließ seine Anhänger wie Sklaven für sich schuften. Der Arbeitstag richtete sich nach Schäfers Bedürfnissen, der oft noch um Mitternacht den von der Arbeit erschöpften Siedlern Predigten hielt.
Wurde nicht gehorcht, so wurde die Person in das Krankenhaus geschickt, in dem Hartmut Hopp und Schwestern den „Patienten” mit Elektroschocks und Psychopharmaka ruhigstellten, wodurch schließlich Amnesie verursacht wurde.

Sexualitätsverbot und Missbrauch

Während in der Sekte Siedlerinnen und Siedler sowie Kinder und Eltern strikt voneinander getrennt wurden, ein Sexualitätsverbot – das durch Zwangssterilisation zusätzlich gesichert werden sollte – und Unaufgeklärtheit herrschte, verging sich Schäfer Tag für Tag an den kleinen Jungen. Die Jungen sprachen nicht darüber; Einerseits kannten es die meisten nicht anders, andererseits wurde jedes spontane Gespräch unter den Siedlern geahndet, da allerlei Wanzen und Mikrofone zum Abhören auf dem Gelände installiert worden waren.

Komplizenschaft mit Pinochet

Schäfer, der zahlreiche Verbindungen unterhielt, die ihm sein Kontaktmann Gerhard Mertins vermittelte – ein Waffenhändler der auch für den BND arbeitete – kam schließlich 1974 dazu, auch mit dem Diktator Augusto Pinochet, der ein Jahr zuvor durch einen von der CIA unterstützten Militärputsch die Macht im zuvor sozialistischen Chile an sich riss, ein Bündnis zu bilden. Schäfers Siedlung kam Pinochet gelegen, indem diese insgeheim zu einem Haft- und Folterzentrum für politische Oppositionelle des Regimes umfunktioniert wurde. Auch wurden für Pinochet und seinen Geheimdienst DINA ein Karteikartenarchiv zur Erpressung und Bestechung von hochrangigen Politikern und Weiteren angelegt. Von den Siedlern wussten nur wenige darüber Bescheid, namentlich diejenigen, die zur Führungsriege zählten (darunter Hartmut Hopp).

Das Ende der Colonia Dignidad

Als 1977 schließlich Veröffentlichungen von Amnesty International und dem Stern die Komplizenschaft von Schäfer und Pinochet sowie die Zustände der Oppositionellen zum Teil offenlegten, kam es zu einer Verleumdungsklage durch die “Private Sociale Mission”- der Nachhut der Colonia Dignidad. Der Prozess dauerte schließlich bis 1997 an: Ergebnislos, die Siedlung existierte als solche juristisch nicht mehr.
Jedoch begann ab 1984 der Untergang der Despotie Schäfers. Mit der Flucht zweier Ehepaare, denen es gelang, die Stacheldrahtzäune, Fallen und Suchtrupps mit Kampfhunden zu überwinden, kamen immer mehr Berichte über die Menschenrechtsverletzungen ans Licht. Die deutsche Botschaft und das Auswärtige Amt, die sich zuvor stark zurückhielten, stellten nun Strafanzeige gegen die Colonia Dignidad. Mehrere Male versuchten sich Delegationen Zutritt zur Siedlung zu verschaffen, scheiterten aber. 1990 kam es zum Ende der Militärdiktatur Pinochets und der neue demokratisch gewählte Präsident Patricio Aylwin ging gegen die Siedlung vor. Schäfer konnte nun keine politische Unterstützung mehr erwarten. Darauf folgte die Aberkennung der juristischen Person der Colonia Dignidad. Schäfer wehrte sich, indem er sein Eigentum auf Scheinfirmen verteilte. Das endgültige Ende nahte sich 1996 an, indem Haftbefehl gegen Schäfer gestellt wurde, da chilenische Eltern gegen die Verschleppung und Vergewaltigung ihrer Kinder klagten. Da Schäfer in seiner Siedlung Sexualverbot verhängt hatte, wurden nun keine neuen Kinder mehr geboren. Die Folge war, dass er nun Jungen aus der Umgebung zu sich lockte.
Im März 2005 wurde Schäfer, nach seinem Untertauchen und acht Jahren Flucht, in Argentinien verhaftet.

image-1Die Colonia Dignidad heute

Noch heute existiert die Siedlung unter dem Namen Villa Baviera. Ehemalige Sektenmitglieder sehen in der Betreibung des Ortes als Tourismuspark die einzig mögliche Finanzierung ihres Lebensunterhaltes, da sie nie in Rentenkassen eingezahlt haben, geschweige denn Spanisch gelernt. Auch werden die Siedler vom Auswärtigen Amt psychologisch und finanziell unterstützt und beraten.
Trotzdem ist die juristische Aufarbeitung bis heute noch nicht abgeschlossen. Ehemalige Mitglieder der Führungsriege können teilweise nicht gefasst werden. Einer von ihnen ist Hartmut Hopp. Er ist als Justizflüchtling wieder nach Deutschland gekommen und lebt nun in Krefeld. Eine Festnahme ist zurzeit noch nicht möglich, da eine Lücke zwischen deutschem und zwischenstaatlichem Recht besteht: Hopp kann nur für Taten verurteilt werden, die nach deutschem Recht strafbar und nicht verjährt sind.

 

 

Wie lässt sich das Verhalten der deutschen Botschaft erklären?

Die deutsche Botschaft, welche sich äußerst zurückhaltend bezüglich der Vorwürfe gegen die Siedlung verhielt, begünstigte die Verbrechen ebendieser. Allerdings ist es schwierig, festzustellen, ob dies bewusst geschah, schließlich hängt das Handeln der Botschaft und des Auswärtigen Amts vom zuständigen Botschafter ab. Es wird deutlich, dass gerade Botschafter Erich Strätling (1976-1977) starke Sympathien gegenüber der Siedlung empfand, die schließlich einen ausgeprägten Lobbyismus an den Tag legte und sich als “deutsche Mustersiedlung” präsentierte. Vermutlich hat man sich blenden lassen wollen, die Verbrechen waren zunächst nicht feststellbar und da der Amnesty International-Prozess ein “schwebendes Verfahren” war, wollte man sich von Amtsseite nicht auf die Vorwürfe stützen.
Ein weiterer Faktor war der damalige Ost-West-Konflikt. Die Colonia Dignidad war einerseits ein untergeordnetes Problem, das primäre Ziel war es, Chile im Westblock zu halten. Dementsprechend kamen politisch- ideologische, antikommunistische, vor allem rechtskonservative Pinochet- Sympathien Strätlings und Schäfers hinzu, weshalb wohl eine positive Grundstimmung herrschte. Später wollte man zwar das Problem mit der Siedlung lösen, andererseits aber einen Skandal vermeiden, was sich so allerdings als unmöglich herausstellte. Letztlich hing das Verhalten der Botschaft bezüglich der Lösung des Problems größtenteils vom Engagement einzelner Mitarbeiter ab.

Schlussendlich lässt sich eine eindeutige Komplizenschaft zwischen Schäfer und Pinochet feststellen. Eine solche zwischen Schäfer und der Botschaft aber nicht, auch wenn diese äußerst fahrlässig und zurückhaltend agiert hat. Es ist nicht klar, ob Schäfers Verbrechen vorsätzlich oder unbewusst begünstigt wurden, weshalb zumindest ein eindeutiger Fall von Pflichtverletzung und unterlassener Hilfeleistung seitens der Botschaft vorliegt.

Bild 1: Dailymail, Eingang der Kolonie
Bild 2: dpa, Festnahme Paul Schäfers

Interessiert am Thema?

Buchtipp: Maier, Dieter: Colonia Dignidad. Auf den Spuren eines deutschen Verbrechens in Chile; Schmetterling Verlag

Filmtipp: Colonia Dignidad- es gibt kein Zurück; von Florian Gallenberger; mit Emma Watson und Daniel Brühl

Ivana Sterr, 10.4

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