Wer bist du?“ fragt er mich. Eine gute Frage denke ich mir. Entgegnen tue ich lediglich: „Niemand.“. „Lüge!“ spricht die ansonsten in Schweigen gehüllte Person, die kein Gesicht zu besitzen scheint. Natürlich war es eine Lüge, was auch sonst, dachte ich mir. Ich bin ja schließlich erst neu hier. Aber das Spiel nimmt auf sowas keine Rücksicht. Das Spiel der Gesichter heißt es. Weithin bekannt und gefürchtet, denn nur wenige gewinnen es und nur wer gewinnt, überlebt, mehr als das sogar. Es unterscheidet sich erheblich von unserem alltäglichen Spiel. Denn anders als dieses, bedient man sich hierbei völlig neuer Gesichter oder verändert vorhandene, wobei ersteres wesentlich schwieriger zu bewältigen ist. Zudem kennen normale Menschen nie ihr wahres Ich. Es bleibt ihnen verschleiert, weshalb sie mit ihrer Unvollkommenheit untergehen werden. Anstatt, dass sie sich auf die Suche begeben, nehmen sie Identität an, welche nur der Regierung zur Differenzierung von uns Menschen von Nutzen ist.

Woher kommst du?“ fragt man mich. „Ich stamme aus dem kleinen Dorf Schmieringen, welches sich in der Nähe Göttingens befindet.“. Natürlich entsprach dies nicht der Wahrheit, aber genau darum geht es ja bei diesem Spiel. Plötzlich ein stumpfer Schlag auf meinen Brustkorb, begleitet von der nunmehr sehr wohl bekannten Aussage „Lüge!“. Der Schmerz ist nicht ignorierbar, aber es ist das, was ich benötige, um einer von ihnen zu werden.

Langsam beginne ich zu verstehen, worum es hier wirklich geht. „Wo ist deine Familie?“, werde ich gefragt. Fast alle sind sie wohlauf und gut behütet aus dem Land geflohen, dessen bin ich mir durchaus bewusst. Aber es geht ja nicht darum. Nein darum geht es wahrlich nicht. Mein anfängliches Lächeln setze ich ab, senke den Kopf, schaue bekümmert auf den Boden und antworte „Nicht mehr unter uns.“. Ich warte, warte auf den Schlag und das wohlklingende Wort „Lüge“. Doch aus der Dunkelheit wird mir nichts erwidert. Weder Pein noch das enttäuschte und mittlerweile in meinen Ohren nur noch wohliger klingende Wort Lüge. Ich will es. Ich brauche diese nun greifbar nahe Erhabenheit, wie Ikarus will ich mich erheben, über all jene, die sich nicht auf meiner Augenhöhe bewegen. Ein Gesichtsloser will ich werden, so wie dieser Niemand vor mir. Er und jene, die ihm ebenbürtig sind, sind das, was ich erstrebe. Wie Maschinen denken sie. Entweder Ja oder Nein, kein vielleicht oder etwas Derartiges. Absolute Perfektion durch engmaschige Kategorisierung. Und um diese nutzen zu können, muss ich mich von mir lossagen.

Wer bist du?“ fragt er mich erneut. „Lediglich ein geringverdienender Bengel, welcher sich ein besseres Leben erhofft.“. Wieder ein Erfolg. Als würde ich einem kleinen Roboter sagen, wie er sich bewegen soll. Ja, das ist es. Ich bin ich, oder? Und doch bin ich niemand, denn ich bin nicht alleine ich. All diese kleinen Lügen wirken auf die Erscheinung meines Gesichts ein. Je nach Situation füge ich nach Belieben eine Grimasse oder nur ein kleines Zucken hinzu. Habe ich mich selbst deswegen verraten? Vielleicht. Aber habe ich mich nicht eher nur neu inszeniert? Waren all diese Gesichter stets ein Teil von mir, welche sich erst jetzt zeigen? Man muss akzeptieren, wer man ist, um an sich zu arbeiten. Das muss er sein, der Schlüssel zum Sieg für das Spiel der Gesichter. Wenn man weiß, wie man wahrgenommen wird, so kann man diese Wahrnehmung doch einfach modifizieren, oder? Aber ist das nicht moralisch verwerflich? Wie dem auch sei, wer schert sich denn heutzutage noch um so etwas wie Moral. Das einzige, was zählt, ist der Sieg.

Mir werden sogleich die Augen verbunden. Doch etwas stimmt nicht. Die Augenbinde scheint defekt zu sein. Mir offenbart sich nun die Hälfte des Gesichts meines Ausbildners. Aber hatte er zuvor nicht keines? „Doch ich besaß eines, nur warst du nicht in der Lage, die Wahrheit oder Lüge, ein Individuum oder ein Niemand voneinander zu unterscheiden“. Ich musste scheinbar in meiner Aufregung unabsichtlich Gedachtes ausgesprochen haben. „Individuum von Niemand“ flüstere ich leise vor mich her, als sei es eine Frage. Ist Niemand wirklich niemand? Oder ist niemand nicht doch vielmehr jeder, aber eben keiner speziell und deshalb nicht individuell? Ja, das muss es sein. Aber wie kann ich mir da sicher sein? Weiß ich überhaupt was ich bin? Alles, was ich grade weiß, ist, dass ich wie Wachs in seinen Händen war. Er wusste sich zu inszenieren, aber was bedeutet das?

Er beginnt sich in Bewegung zu setzen und weist mich per Handbewegung an, ihm zu folgen. Wir betreten einen Gang, in welchem an den Seiten meine Erinnerungen wie ein Film abgespielt werden. Meine Familie, meine Kindheit, die Schulzeit, alles da. Ich weiß, warum all diese Bilder erscheinen, ich beginne es zu erkennen. Ich war nie alleine ich. Ich hatte ein Gesicht für die Hochzeitsfeier von Bekannten, eines für die Schule, eines für meine Eltern, wenn ich mit einer schlechten Mathearbeit nach Hause kam. All das sehe ich jetzt. Nun begreife ich, was er mir mit der Augenbinde sagen wollte. Als hätte er seine Augen herausgenommen und sie durch die anderer Personen ersetzt, um sich durch eben diese zu betrachten.

Bisweilen erschienen mir diese Gesichtslosen mehr als kleines esoterisches Grüppchen. Doch nun beginnt es mir zu dämmern, sie sind die Elite. Eine Art Übermensch könnte man meinen, welcher sich der Last des Individualismus entledigt hat, um somit mehr Wissen und Einfluss zu generieren. Und doch bodenständig. Erst jetzt fällt mir auf, dass auch seine Brüder dieselbe Kleidung wie er tragen. Schwarz wie die Nacht, lediglich als ein Schatten im getrübten Sichtfeld erscheinen sie. Auch kennen sie keine Namen, zumindest nicht mehr.

Er wendet sich mir wieder zu. „Entscheide nun über dich! Wähle zwischen deiner Begierde und deinem Mensch-sein!“. Ich weiß genau, was passiert, wenn ich akzeptiere. All diese Erinnerungen, gute wie schlechte, werden auf einen Schlag gelöscht. Mir bleibt lediglich meine Erkenntnis, welche ich aus diesem Spiel zog. Gebe ich es auf, mein Leben, welches mir bis dato immer geliebt erschien? Dieses schützenswerte und einmalige Etwas. Aber ich würde das Spiel gewinnen, das Spiel der Gesichter und die Konsequenzen waren seit ich davon erfuhr erstrebenswert. Was tätest du an meiner Stelle?

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