Das Nichts eroberte immer mehr das Land. Es war wie eine riesige weiße Nebelwand, die große Landflächen verschlang. Es arbeitete sich langsam vor. Langsam, aber stetig. Niemand konnte etwas dagegen tun, da niemand wusste, was es eigentlich war. Und diejenigen, die mutig ein paar Schritte ins Nichts gegangen waren, konnten es uns nicht sagen, denn keiner hatte sie je wieder gesehen. Darum wurde das Nichts einfach hingenommen, so wie in unserer Gesellschaft alles einfach hingenommen wurde. Und alle lebten mit dem Nichts und gingen wieder ihrem langweiligen und gleichtönigen Alltag nach. Ab und zu fuhr man mit der Bahn am Nichts vorbei, dann schaute man aus dem Fenster und sah: weiß. Einfach weiß, egal wie stark man hinschaute.
Doch ich wusste, woher das Nichts kam und was es war. Es war die Ödnis der Menschheit, die gesamte Unkreativität unserer Gesellschaft, die sich gegen uns wandte und uns und unsere Seelen erobern konnte. Und ich wusste auch, wie man es bekämpfen konnte: Das Nichts war einfach eine weiße Leinwand, die darauf wartete, dass jemand Farbe auf sie malte. Und ich hatte es allen gesagt. Und sie hatten mich ausgelacht, mir gesagt, ich hätte zu viel Fantasie, das sei nicht gut für mich. Ich solle mir endlich einen Beruf suchen, bei dem ich mehr ausgelastet sei und einen geordneten Alltag hätte. Da würde ich gar nicht mehr auf so einen Quatsch kommen. Also saß ich in meinem Atelier und wusste über alles Bescheid, aber keiner glaubte mir, was ja auch wieder einmal typisch war. Mein Haus mit meinem Atelier stand gleich neben dem Nichts, aber das war mir egal. Ich hatte keine Angst vor dem Nichts. Ich versuchte, es still zu bekämpfen, einfach, indem ich in mein Leben so viel Kreativität und Abwechslung wie möglich hineinbrachte. Und, was soll ich sagen: Es half. Egal wie nah das Nichts kam, die Farben in meinem Garten verblassten nicht nach und nach wie bei den befallenen Landschaften. Im Gegenteil: Ihr Leuchten schien geradezu dem Nichts zu trotzen, der Kontrast wurde mit jedem Tag deutlicher. Und ich malte so viel ich konnte. Ich strickte bunte Mäntel für die Dinge in meinem Garten und fing an, aus allem ein Kunstwerk zu machen, sei es die Anordnung der Bücher auf meinem Nachttisch, meine Frisur oder die Sahne auf dem Kaffee. Und eines Tages beschloss ich, ins Nichts zu gehen.
Ich schlug meine Augen auf, sie hatten sich von alleine geschlossen. Ich stand in einer Landschaft, die ich noch von früher kannte, alles war gleich geblieben, die Pflanzen, die Häuser, in der Ferne konnte ich sogar ein paar Menschen erkennen. Doch es gab einen gewaltigen Unterschied. Denn alles, ja wirklich alles, war weiß. Und ich war taub geworden. Vorsichtig flüsterte ich leise. Die Töne wurden sofort verschluckt, sie hatten keinen Nachklang. Doch ich wusste, dass ich nicht wirklich taub war, denn ich hatte die Worte für einen Bruchteil einer Sekunde hören können. Die Stille war erdrückend und mir war klar, dass ich unbedingt etwas gegen die Leere unternehmen musste. Unschlüssig ging ich ein paar Schritte, blieb dann aber doch wieder verunsichert stehen. Ein kleiner Hund kam über die Fläche gelaufen, er war unscheinbar und ich bemerkte ihn nicht, bis er mich interessiert mit seiner Schnauze anstupste. Und da erst sah ich die ganzen Tiere, die verunsichert hinter den Bäumen und aus dem Laub hervorschauten. Und es war eigentlich klar, dass sie sich so für mich interessierten, denn ich war das einzige Wesen weit und breit, das noch Farbe an sich hatte. Ich schaute nach unten. Die Augen des Hundes waren trüb und traurig. Verloren schaute er mich an. Ich setzte meinen Rucksack ab und mit einem Pinsel malte ich ihm erst einen schwarzen Fleck auf die Schnauze und dann einen braunen auf seine Ohren. Schließlich nahm ich sein Halsband ab und verpasste ihm einen Klecks Rot. Und da kam Leben in seine Augen. Begeistert betrachtete er das Band und berührte es mit seiner Pfote. Und als er herumtobend und bellend weglief, färbte sich sein ganzer Körper langsam mit der braunen Farbe. Und da trauten sich die anderen Tiere aus ihren Verstecken, sie kamen zu mir und nach und nach schafften wir es, die Stille und die Eintönigkeit zu durchbrechen.

 

Von Maya L.

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