Die Religion ist in der Politik wieder Kampfmittel geworden. Spätestens seit dem umstrittenen Erlass durch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, laut welchem ab dem 1. Juni 2018 in jeder bayrischen Amtsstube ein Kreuz zu hängen habe, ist dies vielen klar. Zahlreiche Politiker, darunter Söder oder Innenminister Horst Seehofer, der vehement betont der Islam gehöre nicht zu Deutschland, versuchen, sich durch religiöse Themen bei dem ultrakonservativen Teil ihrer Anhängerschaft zu profilieren. In diesem Zusammenhang hört man von vielen Seiten den Begriff der „jüdisch-christlichen Tradition“, welche „identitätsstiftend“ für Deutschland sei.

Die Verwendung des Begriffes ist problematisch. Sie ist zynisch, impliziert sie doch eine Selbstverständlichkeit, die nie da gewesen ist und von der auch heute noch nicht uneingeschränkt gesprochen werden kann.

In Deutschland war das Christentum jahrhundertelang die vorherrschende Religion, in deren Namen Kriege und Kreuzzüge geführt wurden. Obschon nicht Religion des Herrschers oder Landes, war der Einfluss der jüdischen Bevölkerung auf das damalige Deutschland unweigerlich; die Juden waren eine integrierte, wohlhabende Gruppe, die sich am gesellschaftlichen Leben beteiligte und eigene Synagogen errichtete. Allerdings hatte sie auch mit erheblichem Antisemitismus zu kämpfen, mussten sich als Christusmörder beschimpfen lassen und wurden aus zahlreichen Berufen verdrängt. Als sie dann durch andere Beschäftigungen zu Reichtum kamen, verachtete man sie nur noch mehr, feindete sie an und wünschte sie sich allgemein aus der Welt.

Den Höhepunkt von Hass und Unterdrückung bildete schließlich die zwölf Jahre andauernden faschistische Naziherrschaft, geprägt von vollkommener Enthemmung der grausigsten Art, während derer sechs Millionen Juden beraubt, enteignet, ausgebeutet und schließlich auf unmenschlichste Art und Weise hingerichtet wurden. Ein historischer Einschnitt, der bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte menschliche Abgründe offenbarte und jüdisches Leben sowie seine Spuren beinahe restlos beseitigte.

In diesem Zusammenhang kann es nicht angebracht sein, Judentum und Christentum bezüglich ihrer „Identitätsstiftung“ gleichsetzen zu wollen und damit einer Relativierung des Antisemitismus, der sich durch die deutsche Geschichte zieht, Raum zu geben. Denn eines ist klar: Das Christentum wurde wohlwollend angenommen, während das Judentum immer wieder Ausgrenzung und Angriff ausgesetzt war und bedauerlicherweise noch immer ist. Dies ist mitnichten nur ein Phänomen aus den zwölf Jahren Hitler-Faschismus. Es ist konsistent in der deutschen Geschichte zu finden. Das machen Äußerungen wie die des AfD-Politikers Alexander Gauland, bei der Naziherrschaft handle es sich um nichts als einen „Vogelschiss“ in 1 000 Jahren „erfolgreicher deutscher Geschichte“, so gefährlich, denn die Abartigkeit der Shoa ist zwar einzigartig, doch nicht die einzige Form, in der sich der Antisemitismus der deutschen Gesellschaft manifestierte und es immer noch tut.

Besonders widerwärtig gestaltet sich die Situation, wenn der Begriff genutzt wird, um zu argumentieren, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, sei für dieses nicht identitätsstiftend. Was ist es dann? Das Christentum, das jährlich an Anhängern und Bedeutung verliert? Oder das Judentum, welches im Zuge der Shoa rücksichtslos verdrängt und ausgelöscht wurde? Es offenbart sich eine deutliche Instrumentalisierung der Religion und der Geschichte, es wird das eine gegen das andere ausgespielt und zeitgleich suhlt man sich in angeblich ihren Zenit erreichender Toleranz und grenzenloser Offenheit. Erschreckend, wenn man bedenkt, dass nach einer Umfrage aus dem Jahr 2017 etwa 15 bis 20 Prozent der Deutschen antisemitisch sind oder offen für antisemitische Parolen.

Es ist ein Segen, dass sich nach nur 70 Jahren und sogar bereits davor wieder Juden in Deutschland ansiedeln, die ihren Glauben frei ausüben und ihre Kultur (wieder-)bringen. Es ist jedoch zu beachten, welche Bedeutung dieser Zuzug hat: Er kommt nach dem grausamsten Verbrechen der Weltgeschichte, nachdem die gesamte Existenz dieser Gruppe beinahe ausgelöscht wurde. Das Judentum und sein Einfluss waren unerwünscht in Europa, das haben nicht nur die Deutschen gezeigt: Auch Österreicher, Polen, Italiener und alle diejenigen, welche die Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten durch Denunziationen oder aktive Hilfeleistungen unterstützt haben. Man kann nicht so tun, als ob der jüdische Einfluss selbstverständlich wäre, wie das heute so mancher Politiker durch den Begriff der „christlich-jüdischen Tradition“ darzustellen vermag. Umso wertvoller ist es, dass sich durch den erwähnten Zuzug von Juden ein neues Kapitel im Umgang Deutschlands mit dem Judentum eröffnen kann, sodass man irgendwann einmal tatsächlich von einer jüdisch-christlichen Tradition sprechen kann.

Von: Christian Köhler Pinzón

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